Nach 3.700 km Ukraine…

Henitschesk Asowsches Meer

Henitschesk Asowsches Meer

In Henitschesk also faulenzen wir einen Tag. Leider ist das Meer viel langweiliger als in Berdjansk und der Sand nicht so wie dort, viele klitzekleine Muscheln. Es ist sandiger und mindestens genauso windig, schon das Handtuch hinzulegen, ist eine Kunst. Wenn es dann liegt und man selbst auch, ist alles voll Sand. Wir begnügen uns mit einem Gang ins Meer. Es geht flach hinein und dauert ewig, bis man nicht mehr stehen kann. Aber prima ist, dass Martin tatsächlich eine Steckdose entdeckt. Er sieht, wie der eine von zwei Nachbarn am nächsten Tag sein Kabel aufwickelt. Kabel = Steckdose.

Das ist eine super Konstruktion: vom Strom- und Laternenmast wird oben mit einem Kabel Strom abgezapft, an dieses Kabel wurde eine 3-er Haushaltsteckdose ‚angedrahtet‘. Warum wir also mit den Stromanschlüssen immer so ein Theater hinsichtlich Sicherheit etc. machen, weiß keiner, funktioniert hier kreativ freiluftig erste Sahne. So können wir den in Berdjansk ob der Hitze wieder gut reduzierten Strom aufladen, einwandfrei!

Unser nächstes Ziel ist Askania-Nova, ein Steppenreservat im Oblast Cherson, knapp 80 km von hier. Gegründet bzw. errichtet 1874 von Friedrich Falz-Fein, einem Nachkommen des deutschstämmigen Besitzers. Askania Nova kommt von Neu-Askanien, so benannt vom erstmaligen Erwerber (durch Zarenerlass erworben), der aus dem anhaltschen Herzogsgeschlecht der Askanier stammt und Schaf- und Pferdezucht betreiben wollte. Askania ist der lateinische Name einer der Stammburgen, nämlich Aschersleben.

Wir wollen ins Reservat und nicht nur in den großen Garten und den Zoo. An der Kasse sehen wir nur Eintritt für Park mit und ohne „Exkursion“, was in diesem Fall schlicht Führung heißt. Wir stehen so lange unschlüssig vor der Kasse herum, bis sich schließlich eine Mitarbeiterin des Parks unserer annimmt und auf englisch fragt, ob sie uns helfen kann. Ja, kann sie! Es gibt auch eine Safari-Fahrt, die wollen wir mitmachen. Wird ein bisschen teurer, weil nur 7 statt der üblichen 10 Personen zusammenkommen. Ist uns egal. Wir haben den Weg hierher auf einer super beschissenen Straße, die Martin mega toll und vorsichtig gefahren ist, ja nicht einfach so gemacht… Die bisherigen Anmeldungen werden zusammentelefoniert und los geht’s. Erst durch einen Teil des Zoos und dann ins Busle bzw. auf die Bänke hinten. Freiluftfahrt. Wir sehen u.a. Antilopen, Zebras, Gnus und Wildpferde und halten immer zum Aussteigen und Fotografieren. Je nach Spezies dürfen wir die domestizierten Tiere auch füttern. Wirklich neue Tiere und Erlebnisse sind das für uns nach den Wochen im Südlichen Afrika 2011 natürlich nicht. Aber wir sind sehr zufrieden, dass wir tatsächlich mit auf die Safari konnten, war nämlich nirgends angeschrieben, und Olga, die freundliche Mitarbeiterin aus dem Park, die die Ausfahrt begleitetet, uns immer einiges auf englisch dazu erzählt hat. Ein total schöner und entspannter Nachmittag. Yeah!

Wir werden wieder abgesetzt und sehen in der Parkreihe der Pkw eine deutsche Autonummer. Krass, was macht der denn hier? Warten und glotzen wollen wir nicht, also fahren wir los. Aber nicht bevor wir gegoogelt haben, was Olga uns fragte, nämlich woher das Wort Askania kommt. Wir rufen sie vom Telefon eines Parkwächters, der sagt, dass sie schon weg ist und dann gleich meint ‚Ich rufe sie an‘, aus an und berichten ihr unser Ergebnis. Sie wirkt etwas desorientiert, bedankt sich zwar, wir wissen aber nicht, ob unsere Botschaft wirklich angekommen ist.
Gerade als Claudi dann zusteigen will, ruft’s vom Parkeingang herüber „Ja, das hättet Ihr nicht gedacht, dass hier noch andere Deutsche unterwegs sind.“ Ups, das müssen die vom Golf sein, witzig. Wir unterhalten uns eine Weile. Die beiden, x und y, besuchen ihren Freund Vladimir, den x in Deutschland kennengelernt hat, weil Vladimir auf Arbeitssuche war, und über eine ukrainische Freundin in Deutschland den Kontakt zu x bekam. Unsere Unterhaltung endet mit dem Tipp für ein Solebad Richtung Schwarzmeer-Reservat und einem Besuch des Ortes, den uns bereits Oleg in Berdjansk empfohlen hat. Außerdem lädt uns Vladimir ein vorbeizuschauen, wenn wir über Cherson fahren. Jetzt müssen wir neu planen 😉

Erst mal fahren wir im Ort zum Busbahnhof, dahinter ist ein Hubschrauberlandeplatz, da bleiben wir. Das könnten wir jetzt so stehen lassen, hört sich total spektakulär an, ist es aber nicht. Der Platz ist ziemlich mit Gras zugewachsen, da landet heute Nacht (und auch künftig) keiner mehr. Sogar der Bauer bringt nachher noch seine Ziegen zum Futtern vorbei. Nach einer ruhigen Nacht machen wir uns auf den Weg nach Zalesnyi Port. Der kleine Ort liegt am Schwarzen Meer am letzten Zipfel vor dem Biosphärenreservat. Die Empfehlung haben wir, wie bereits erwähnt, von Oleg in Berdjansk und nun noch einmal von einem der Deutschen in Askania Nova erhalten.

Camping Zalizny Port

Camping Zalizny Port

Ein kleiner Touristenort am Strand. Wir finden keinen passenden Platz. Auf dem Rückweg hält Martin und meint, hier könnten wir doch fragen. Das tun wir, und hinter dem Tor und dem Parkplatz ist noch reichlich Platz und das ‚Anwesen‘ entpuppt sich als Campingplatz, vor allem für Bungalow-Touristen. Aber es gibt ein Toilettenhäuschen, Duschen in Blechverschlägen und eine große Wiese für uns alleine. Hinter uns das Tor und direkt der Strand und das Schwarze Meer. Perfekt! Hier bleiben wir. Die Dame am Empfang ist saunett, spricht ein paar Brocken englisch, wir können uns ausreichend verständigen und zahlen 2,25 EUR pro Nacht. kloWir haben Wasser und können das Klo leeren (denn benutzen wollen wir es nicht…), für eine kurze Dusche nach dem Bad im Meer wird der Blechverschlag reichen. 

müll portRaus aus dem Tor und rechts gibt es ein Hotel und Strandbars. Links geht nach einigen Schritten durch den Sand und leider an viel Müll vorbei der Weg am Strand zum Ort. Eine Strandbar an der anderen, kleine Läden, Schaschlikgrills und Stände mit Krimskrams, den es in Touristenorten halt so gibt. Ausreichende Infrastruktur, alles sehr einfach, aber klasse. Schnell hat Claudi beim Morgenspaziergang ihre Espressobar ausfindig gemacht. Der mobile Espresso im Kastenwagen der zwei jungen Männer entpuppt sich als guter Halt auf dem Rückweg. Und, ganz toll und wie von Oleg beschrieben, es gibt Delphine! Wow, die kommen am frühen Vormittag, wenn es noch ruhiger ist und keine doofen Krachmachmotorboote stören, ganz nah an den Strand und plantschen etwas umher, dann verziehen sie sich wieder. Nach zwei Tagen verlängern wir um zwei Tage. Es gefällt uns gut. Am Wochenende waren noch andere Besucher da mit Auto und Zelt. Wir sind also nicht ganz so einsam 😉. Wir baden 1-2 x am Tag, sind immer nur eine gute Stunde am Strand, es ist einfach zu sonnig…fabelhaftes Wetter. Wir verlängern nochmal um zwei Tage, schließlich wird es so etwas wie ein Strandurlaub, nachmittags oder abends laufen wir an der ‚Promenade‘ entlang, genießen das eine oder andere kulinarische Angebot und zurück auf unserem Platz die Ruhe. Abends geht nämlich ordentlich die Post ab. Die Fahrgeschäfte haben geöffnet und es ist mächtig was los. Regelmäßig werden wir gefragt, wo wir herkommen und wie wir ausgerechnet hier her kommen. Kein ausländischer Tourist scheint sich bisher hierher verirrt zu haben. Die Leute fallen meist vom Glauben ab, wenn sie erfahren, dass wir mit dem Auto/Bus aus Deutschland durch die Ukraine fahren und nun hier gelandet sind. Aber sie freuen sich total. Oft werden wir auch gefragt, ob es wohl Arbeit für sie in Deutschland  gibt. Das können wir schwer beantworten. Die junge Teeverkäuferin zB will unbedingt Tipps, wo in Deutschland sie wohl ihre Tees verkaufen könne. In jedem Fall ist sie vollkommen aus dem Häuschen, dass wir an ihrem Stand etwas kaufen. Uns kommt es vor, als wären wir gerade einem Ufo entstiegen und man freut sich, endlich mal einen Marsmenschen in echt zu sehen. Total nett und herzlich, aber auch krass. 

Manche, wie der Mann am Grill, kommen auch nicht damit zurecht…wir bestellen am Stand so einen und so einen Schaschlikspieß und ein Brot. Er notiert auf einem winzigen Zettel und fragt dann etwas, das wir nicht verstehen. Er wiederholt. Wir sagen auf Russisch, dass wir nicht verstehen. Das blubbert er dann wiederum vor sich hin und flippt total aus. Händefuchtelnd schimpft er rum und zeigt auf uns und meckert und meckert. Die Chefin hat zu tun und kann nicht helfen. Eine andere Kundin springt ein und wiederholt unseren Wunsch. Er schimpft immer noch ganz aufgebracht. Dann kommt der Chef mit ein paar Brocken englisch, ist super nett und nimmt die Bestellung auf. schaschlikMit ihm können wir auch klären, dass wir gegenüber am Mäuerchen an einem Tisch sitzen. Unsere Bestellung dauert ewig und kommt erst, als der Chef sich nochmals einmischt. Der Griller selbst lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und grillt Spieß um Spieß auf dem uns begeisternden Grill. Wir, also der Bestellungaufnehmerundunsnichtversteher, sehen uns in diesen Tagen noch einige Male und grüßen uns trotz allem immerhin. Als wir ein weiteres Mal bei unserem Lieblingsgrill (die Spieße sind einfach besser als andere) essen, bestellt Claudi wieder bei ihrem ‚Freund‘. Er hat sich eingekriegt, dieses Mal klappt die Bestellung tadellos, auch weil wir nun wissen, dass man sagen muss, ob zum Mitnehmen oder hier essen, und wir grinsen uns freundschaftlich an. Super!
Wir haben letztlich mehrfach verlängert und 10 Tage am Strand verbracht, ausgeruht, gesonnt und Zugang zum Leitungswasser genutzt, um ein bisschen Wäsche in unserem Trog zu waschen. Und uns zum Frühstück aus den hier so saftigen und guten Wassermelonen oft einen Smoothie gemacht, köstlich!
Inzwischen werden wir von einigen gegrüßt wie alte Bekannte. Wir genießen diese Tage sehr mit Strand und Meer und nicht solch Unmengen von Menschen wie in Westeuropa…
Es ergibt sich das eine oder andere Gespräch auf englisch. Immer reisen diese meist jungen Menschen dann gerade wieder ab, so dass es nie zu langen, tiefergehenden Unterhaltungen kommt. Was wir dieser Tage dabei wieder oft hören, ist Putin scheiße oder ähnliches. Allerdings überwiegen das Erstaunen und die Freude ob unseres Besuches hier.  

Wir ziehen weiter, nicht ohne unserer Empfangsdame Tschüss zu sagen. Sie hat sich jedes Mal gefreut, wenn Claudi wieder zwei Tage verlängert hat. Nun ist sie etwas traurig, kommt extra noch aus dem Büro und winkt uns hinterher. Tschüss Zalesnyi Port, wir haben eine Münze ins Meer geworfen…wer weiß….

Dann geht es zum nächsten Tipp, keine 30 km von hier oberhalb des Reservates und ca. 1,5 km von der Küste entfernt. Ein Geysir mit ca. 40 Grad warmem Wasser, da hat es aber im Becken schon abgekühlt, aus dem Quellrohr kommt es deutlich wärmer, so wie es dort auch bei der derzeit warmen Außenluft noch dampft. Wunderbar ist es, in dem braunen, mineralhaltigen Solewasser zu baden. Aber nur fünf Minuten soll man, dann raus, 10 Minuten Pause und wieder fünf Minuten rein. Beim Bezahlen haben wir nicht kapiert, wie lange wir bleiben dürfen. Als Claudi nach der Mittagspause und schnellen Spaghetti im Trolli wieder ins warme Nass möchte, wird sie vom bereits vorhin recht unfreundlichen Kassierer zurück gepfiffen. Wie wo was. Also offenbar gilt der Preis für eine Stunde. Wir können nochmal zahlen und dann ‚da swidanja‘, was wohl heißen soll, und dann Tschüss mit Euch. Kein Lächeln, super unfreundlich und mit dem gestreckten Arm Richtung Grundstücksausgang weisend. Ups, was soll denn das jetzt. Es spricht aber auch keiner der Umstehenden ausreichend englisch, ach, was heißt ausreichend, Fetzen würden vielleicht bereits reichen. Also Meldung an Martin, Badehose aus, dann gehen wir gleich. Schade. Dann überlegen wir nochmal. Gerade kommt der Kumpel des Mannes, der uns vorhin nach dem Trolli gefragt hat, hier ein paar Tage urlaubt und recht gut englisch spricht. Claudi haut ihn an, wo denn sein Kumpel ist. Im Wasser natürlich, er bringt sie zu ihm. Sie schildert ihm ihr Problem, will aber vor allem, dass er weiß, dass wir nun gehen und dass es nicht gut für das tolle Bad ist, wenn die Leute hier so unfreundlich sind. Er will das klären. Nein nein, keinen Stress, Du machst hier gerade Urlaub (es gibt sogar ein paar Zimmerchen zu mieten), belaste Dich nicht damit. Aber wenn Du jemanden aus dem Tourismusbereich kennst, sag, dass die echt scheiße drauf sind. Jaja, die Frau vom Kassierer ist bekannt für ihre Unfreundlichkeit. Liegt nicht an uns und er möchte nun unbedingt fragen, was da los ist mit uns. Also, wenn wir wieder ins Bad wollen, müssen wir nochmal zahlen, Preis gilt nur für eine Stunde. Das ist ja ok, wenn man es weiß. Und dann ist nichts mit Parken hier, schon gar nicht über Nacht. Das Grundstück gehört nicht ihnen (dem Kassiererpaar), sie müssen darauf aufpassen, wir können draußen nach der Schranke stehen. Ok, jetzt haben wir es besser verstanden. Wir wissen nicht so genau, was wir nun machen sollen. Dann kommt unser neuer Freund, Vadim, mit seiner Mama zum Trolli. Mama will die Chefs anrufen. Offenbar stört es sie sehr, wie man mit uns umgeht. Wir bitten wieder darum, wegen uns kein großes Ding zu machen. Keine Chance, Mama will das geklärt haben. Sie erreicht aber niemanden, wir sollen warten. Dann kommt Vadim mit der Frau des Kassierers und einer anderen Tante zu uns. Also, wenn wir den Zimmerpreis zahlen, können wir stehen, gar kein Problem und es tut ihnen alles total leid, sie wussten ja nicht, worum es geht, blablabla. Hä? Wie das jetzt? Erst mal egal, wir entscheiden uns für’s Bleiben und zahlen, kostet ca. 4,60 EUR pro Person bis nächsten Nachmittag samt unbegrenztem Badzugang. Später sprechen wir beim Baden mit Vadim. Ihm ist es ganz wichtig, dass uns klar ist, dass es nicht gegen uns persönlich ging, sondern dass das Kassierer/Aufsichtspaar einfach immer unfreundlich ist. Außerdem, und so kam der Sinneswandel, hat er ihnen gesagt, was wir als westeuropäische Touristen nun eigentlich denken sollen. Die gehen dann zurück nach Deutschland und was meint Ihr, was sie erzählen, etwas Gutes oder Schlechtes, dann fing der Denkapparat an zu arbeiten. Die Frau zeigt Claudi nachher sogar noch ein Zimmer und bietet ihr an, dort kochen und sitzen zu können. Dabei verzieht sie keine Miene, nicht ein Lächeln kommt ihr trotz des freundlichen Dankeschön über die Lippen. Zu schräg, die Alte. Wurscht, wir lassen uns nicht ärgern, haken das ab und grinsen nun darüber. Blick in noch leere BeckenUnd genießen das heiße Solebad, 40 Grad reichen übrigens nicht, bollenwarm ist das Becken, unglaublich und salzig, der Wahnsinn. Sobald man sich nach vorne oder hinten beugt, treibt es das Unterteil vom Körper an die Wasseroberfläche. Nach dem Bad und einer kurzen Trocknung ist man ziemlich weiß vom vielen Salz, ohne Abwaschen geht nichts. Müssen wir aber im Auto machen, Duschen gibt es hier nicht. Das gibt dann immer eine braune Brühe, weil auch die ganzen oxidierten Mineralien nun vom Körper kommen. Badehose und Bikini sind an den weißen Stellen, gerade am Innenfutter, rotzebraun. 

Und hier in der weiten Umgebung ist das Bad natürlich bekannt. Minibusweise karren sie die Leute her. In keinem unserer Reiseführer finden wir den Geysir. Vadim fragt uns auch recht schnell, wie wir überhaupt hier her kommen, das kennt ein Ausländer doch dreimal nicht. Stimmt, war ja eine ukrainische Empfehlung und die war spitze. Wir baden also weiter, es ist nach wie vor warm und sonnig, am nächsten Tag gleich in der Früh um sieben, auch da ist schon einiges los im Bad. Vormittags gönnen wir uns noch eine Massage, boah, der Masseur langt kräftig zu, macht seine Sache aber echt klasse, streicht am Ende unter Gemurmel ganz langsam und toll aus und ist danach selbst richtig erschöpft und verlangt für seine Dreiviertelstunde Arbeit 7.- EUR. Unglaublich. 

Dann geht es für uns am Nachmittag weiter. Wir klopfen bei Vadim und Mama, um uns zu verabschieden. Die beiden drücken uns feste und wir bekommen von Mama, die einen Narren an Claudi gefressen zu haben scheint, eine Wassermelone geschenkt. Sie hört gar nicht auf zu umarmen. Weil wir wissen, dass die beiden öfter reisen, sie haben ein 12-Monatsvisum für Europa und Mama München gefällt, laden wir die beiden ein. Falls also…auf jeden Fall melden, ihr seid unsere Gäste. Nicht wundern, das ist nicht ganz so üblich mit dem Reisen. Vadim arbeitete 8 Jahre in Schottland und hat gut Geld verdient und gespart. Daher können sie sich jetzt weit mehr leisten als der Durchschnittsukrainer. Er hat Sport studiert und ist Jugendfußballtrainer (in Schottland arbeitete er etwas anderes). Leider müssen wir seine Frage nach dem Bremer Coach unbeantwortet lassen, wir haben da begrenzt Ahnung. Wisst Ihr es? Ist das ein Ukrainer? Der hat mit Vadim zusammen Sport studiert (äh, und ist zum Zeitpunkt des Onlinestellens dieses Berichtes seit wenigen Tagen nicht mehr Trainer bei Werder…).

Auch wir werden eingeladen für den Fall der Wiederkehr und zwar nach Dnepropetrowsk. Das haben wir ja ausfallen lassen, weil uns das zu dem Zeitpunkt zu viel war. Perfekt also für einen neuen Besuch in der Ukraine. 

Es wird 15 Uhr, bis wir loskommen. Wir fahren knappe 150 km, ein Drittel recht ruttelig, der Rest akzeptabel, ein kleiner Teil sogar babypopoasphaltig. Martin fragt, ob wir aus versehen das Land verlassen und es nicht gemerkt haben. Leider muss man das bei richtig guten Straßen denken. Kurz vor Mykolaiv halten wir an einem LKW Parkplatz bei einer Tankstelle, wir haben keine Lust, abseits nun noch lange zu suchen. Und dann sind es morgen nur noch gut 150 km nach Odessa. Endlich! Martin hat sein Hauptziel, Kiew, ja schon lange hinter sich. Aber Claudi muss seit Wochen warten, bis sie endlich in diese Stadt kommt, die ihr schon immer im Kopf rumgeistert. Bestimmt liegt es an diesem alten Schlager von Alexandra (kennt Ihr die noch??), den sie bei den Eltern oft gehört hat und dann auch später, weil ihr so im Ohr, selbst. „Auf dem Wege nach Odessa, übers Schwarze Meer, sah ich ihn für ein paar Stunden und dann nihimmermehr…“ Lalala undsoweiter. Herrlich, hat so was Russisches und diese schöne Stimme, müsst Ihr mal anhören…yeah. Kommt gleich nach ‚Mein Freund, der Baum‘ 😀

Jetzt sind wir also wirklich auf dem Wege nach Odessa, Wahnsinn. Fehlt irgendwann nur noch der Baikalsee, der schwirrt auch schon lange im Kopf rum. 

Auf dem Weg sieht Martin aber noch 20 km vor Odessa einen Strand, an dem man parken kann. Da halten wir zum Vesper und bleiben gleich dort. Es gibt eine Toilette und Frischwasser. Ansonsten steht man einfach für 20 Hrivna am Strand. Wir stellen uns neben einen kleinen Transporter, der für die Eigentümer als Camper fungiert. Am Strand verteilt stehen einige Pkw, man kommt zum Baden her. Am Nachmittag gesellt sich dann doch glatt ein Deutscher mit Wohnwagen zu uns. Er reist seit sechs Jahren in die Ukraine. Abends nehmen wir das Angebot an, mit in die Stadt zu fahren. Eigentlich wollten wir Odessa am nächsten Tag erkunden, aber wir wollen das Angebot nicht ablehnen, wobei wir nur mit dem Taxi fahren, nicht mit seinem Pkw. So spazieren wir ein wenig umher, man meint sich gar nicht in der Ukraine, alles deutlich moderner, unzählige Bars und Restaurants säumen die Straßen. Sehr enttäuscht sind wir, als wir an die berühmte Potemkin’sche Treppe kommen und sehen müssen, dass die zur Zeit eine Baustelle ist. Wie schade. Unser Begleiter erzählt uns von seinen Ukraine Erfahrungen. Warm werden wir nicht. Im Grunde ist er nur auf der Suche nach einer Frau, die er hier mit deutschem Geld sehr billig aushalten kann. Ganz Herr des Verfahrens will er für den Rückweg ein Taxi nicht über 200 Hrivna bekommen, das war der Preis für die Hinfahrt. Aber wir bekommen für unseren weiten Zielort nachts um 11 nur 300 Hrivna angeboten, einmal 250, das lehnt unser Begleiter Bernd ab. Die Taxler sind ja auch nicht doof. Keiner macht es unter 300. Bernd will schließlich mit seiner Taxi App ein Taxi bestellen, irgendwann funktioniert die App, aber das Ziel stimmt nicht, falsch angegeben. Also diskutiert er mit dem gekommenen Fahrer. Claudi wird das irgendwann zu bunt. Sie geht zum 250 Hrivna Angebot, falls es nun überhaupt noch  gilt…also wie war das, ich habe nicht genau verstanden…250 nach Vapniarka? Ja 250, er ist total nett, gar nicht so unfreundlich wie bei unserer ersten Anfrage. Ok, gut, das machen wir. Die Buben hergerufen und gut heimgekommen. Zur Sicherheit, Taxifahrer kann man immer brauchen, lässt Claudi sich Telefon und Name von Valera aufschreiben. Unser neuer ‚Freund‘ war laut Martin ganz erlöst, dass er nicht mehr mit dem anderen Taxler diskutieren musste und wir das organisiert haben. Wir auch…

Bei OdessaAm nächsten Tag ist so schönes Wetter, dass wir einen Strandtag einlegen. Bei der Gelegenheit kommen wir auch mit unserem ukrainischen Nachbarn Vitaly ins Gespräch. Claudi kann sich nicht verkneifen, ihn zu fragen, warum er so gut englisch spricht, wo das doch im ganzen Land und besonders bei den Älteren, Vitaly dürfte um die 75 sein, absolute Mangelware ist. Aha, Vitaly, der etwas kauzig wirkende Alte mit seinem dichten weißen Haar und Vollbart, war Übersetzer. Er hat an den Universitäten Vinnyzia und Odessa unterrichtet, vor allem Amerikaner und beklagt, dass selbst die Muttersprachler oft ihre eigene Grammatik nicht beherrschen. Er ist ein wenig außer Übung, weil er seit Jahren kaum noch Gelegenheit hat, englisch zu sprechen. So freut er sich über unseren Austausch. Dabei erfahren wir auch, dass die Frau, die mit ihm unterwegs ist, Lina, seine Tochter ist und – wir wunderten uns schon über ihre Selbst- und Blumengespräche und ihr ständiges an sich bzw ihrer Kleidung Herumzupfen – sehr krank ist. Vitaly spricht von der Mendel-Krankheit, demnach eine (erbliche?) Genkrankheit. Seit Ende ihres Musikstudiums ist sie krank, lebt in ihrer eigenen Welt, hat einen großen Bewegungsdrang und erzählt sich oder wem auch immer irgendwelche Geschichten. Vitaly muss sie ständig betreuen, auch zu trinken geben, das macht sie nicht von selbst. Wenn er einkaufen geht, setzt er sie uns Auto. Dort wartet sie unbeweglich, bis er zurück ist. Vitaly und Lina stehen hier immer von März/April bis November, weil Vitalys Herz das Klima am Schwarzen Meer besser verträgt als in Vinnyzia. Dort geht es seinem Herz immer schlechter. Außer einem Port-a-Porti, auf das er Lina im Auto setzt, haben sie keine Einrichtungen. Die Spüle ist eine an einem in die Erde gerammten Holzstab befestigte Wasserflasche, natürlich auf dem Kopf hängend und somit gut bedienbar, sehr praktisch. Hinten bei den Klapptüren kann eine Tischplatte herausgezogen werden, das ist Küche und ggf. Esstisch. Das Gerüst für die Planen und somit ein kleines Vorzelt hat Vitaly dieses Jahr nicht aufgebaut, sie sind erst viel später angekommen als üblich. Abends schauen sie auf einem großen Smartphone fern, meist etwas, das Lina amüsiert und für etwas Abwechslung sorgt. Ein bis zweimal am Tag gehen sie baden, das ist auch gleich die Dusche (wie bei uns…). 

Tags drauf fahren wir mit dem Bus nach Odessa rein, dauert fast eine Stunde, aber immerhin kommen wir direkt im Zentrum raus. Claudi muss dann aber leider zuerst in die Apotheke, das gestern begonnene Zahnweh wird immer stärker, Schmerztabletten müssen her… Die wirken schnell, wir überstehen den Mittag, unternehmen aber nicht viel, schlendern nur etwas herum und essen. Der Anruf beim Zahnarzt in Deutschland ergibt, dass der Siebener oben links bereits wurzelbehandelt ist. Hm, naja, wäre nicht der erste, bei dem ein vierter Kanal unentdeckt blieb. Zu Hause angekommen ‚erfreuen‘ uns zwei Dinge. Es hat mächtig gestürmt, als wir in der Stadt waren und das bei bestem Wetter, alle Fenster waren geöffnet. Jetzt haben wir aber dermaßen Sand im Auto, puuuhhh. Kissen vom Laken heben: Abdruck. Jeans vom Sitz heben: Abdruck. Tisch, Herd, Spüle, alles ist sandig, wir wünschen uns schon mal viel Spaß beim Putzen. Außerdem erfreut, dass Claudi’s Zahn wieder deutlich schlechter wird. Kauen links geht gar nicht, doing autsch. Der Schmerz zieht in Ohr und Schläfe. Zur Schmerztablette nimmt Claudi nun eine der von Martin übrigen Antibiotikum-Tabletten von der Nasen-OP. Kann nun auch nicht mehr schaden. Ja und ups, am nächsten Morgen ist das komische Gefühl zwar noch da, aber kein Aua mehr. Beißen geht perfekt. Mund weit öffnen ist komisch, der Trigeminusnerv zieht, der wurde aber auch mal von einer großen Pfuscherin vor Jahren aus Versehen angeschnippelt, der benimmt sich immer wieder mal komisch. Hm, gestern Abend haben wir bereits im Internet einen Zahnarzt in Odessa ausfindig gemacht, der auch samstags arbeitet, ist eine kleine moderne Zahnklinik. Also wenn es so gut wie nicht mehr weh tut, der Unterschied ist unbeschreiblich, belassen wir das mal so. Irgendetwas schlummert da oben, ist aber einigermaßen beruhigt. Am besten den Bakterienkiller noch ein paar Tage nehmen. Das Wetter lässt deutlich nach, wir denken über unsere Weiterreise nach. Odessa haben wir noch gar nicht richtig erkundet, sind aber gerade irgendwie nicht ganz so scharf drauf. Der Einstieg mit Bernd war nicht so das Richtige. Und es soll ab übermorgen mächtig kühl werden und regnen. Am Nachmittag parkt am Strand ein deutsches Fahrzeug neben uns. Er ist Deutscher, lebt seit 20 Jahren hier, macht in Landmaschinenhandel, seine Frau ist Ukrainerin. Sie laden uns zum Oktoberfest-Auftakt in ein Restaurant am Stadtrand ein. Ist ja genau unser Ding… trotzdem fahren wir am nächsten Tag, es ist Sonntag, hin, finden dort aber keinen geeigneten Parkplatz. Also stellen wir uns an einen der Strände bzw. Parkplätze auf dem Weg nach Odessa rein hin. Den haben wir bei der Busfahrt schon ausgespäht. Von dort können wir gemütlich mit der Tram zur Kneipe fahren. Außer uns abends um sieben so gut wie keine Gäste, nix Party. Aber wir sind ja eher dort hin, um den Kontakt zu pflegen. Ina und ihr Mann sind auch noch nicht da. Dafür aber der Juniorchef, Dima, der sich sehr gut englisch sprechend um uns kümmert. Dima studiert in Österreich, seine Freundin ist Salzburgerin, er ist gerade wieder heim nach Odessa gekommen. Und ab nächstem Frühjahr studiert er in München. Da lassen wir uns natürlich gleich seine Email-Adresse geben, damit wir Kontakt aufnehmen können, wenn er in Deutschland ist. Ein sehr aufmerksames und pfiffiges Kerlchen, finden wir. Später, so erzählt er uns, denkt er über Restaurants in Westeuropa, auch in Deutschland, nach. Da muss er aber erst mal seine Truppe noch schleifen. Wie sonst auch in der Ukraine, ist der Gastroservice eine ziemliche Katastrophe. Nett und freundlich sind sie immer, aber heiß servieren, Reihenfolge beachten, nach den Tischen schauen, will jemand zufällig mal zahlen etc. funktionieren recht schlecht. Von gelerntem Tablett- und Tellertragen mal ganz abgesehen. Ist nicht weiter schlimm, aber wenn sich der Tourismus irgendwann mal wieder fängt, sollten sie daran arbeiten. Jedenfalls unterhalten wir uns gut mit Dima. Ina und ihr Mann sind aber keineswegs die Eigentümer, so hörte sich das gestern nämlich an. Wohl ’nur‘ gut bekannt mit der Chefin. Wir wundern uns etwas, aber das sehen wir wahrscheinlich viel zu sehr mit deutschen Augen. Wir bleiben nicht allzu lange, auf die Live-Musik innen haben wir keine Lust, ist uns zu laut, und morgen soll es nun tatsächlich weitergehen. Falls wir wiederkommen, treffen wir Ina und Mann am Strand wieder, dort fahren sie regelmäßig vorbei, wie sie uns zum Abschied wissen lassen.

Nach langem Hin und Her haben wir uns nun doch für den Weg gen Norden statt Richtung Donau-Delta und über Moldawien oder Rumänien entschieden, auch weil wir von der schönen Ecke da unten bei dem mauen Wetter nicht viel hätten. 

Die Weiterfahrt beginnt mit einer Anzeige am Armaturenbrett, Dieselpartikelfilter wechseln alternativ möglichst zeitig Werkstatt aufsuchen, klasse. Schnell googeln wir und haben Glück, fast auf dem Weg finden wir eine Mercedes-Werkstatt, hingedüst. Wir kommen sofort dran, der junge Mann in der Auftragannnahme spricht einigermaßen englisch. Papierkram ausfüllen, Trollilein in Werkstatt und anstecken und Analyse laufen lassen. Es ist nicht der Filter, sondern eine Zündkerze/-stange. Ok von uns geholt, irgendwann zwischendurch können wir einen Kaffee in der kleinen Kantine trinken, repariert und fertig. Alles in allem hat das 1,5 Stunden gedauert. Da können wir uns wirklich nicht beschweren. So ein Dusel, dass das nicht irgendwo in der Pampa oder auf Strecke war, wir brauchen ja möglichst eine MB Werkstatt, eine andere kann den Fehler nicht auslesen und müsste ewig suchen. Scheiß Elektronik. Eigentlich müsste man mit dem Lada hier rumfahren, den kann (außer uns natürlich) hier jeder reparieren. 

Weiter geht’s bzw. jetzt erst richtig los. Die Autobahn von Odessa nach Kiew ist in gutem Zustand und vierspurig. Ab Uman (gut 200 km südlich von Kiew) dann Richtung Westen wird es schlechter. Und zwar deutlich, eine ätzende und anstrengende Fahrerei. Kurze gute Stücke, immer nur wenige km, fahren wir langsam, um sie zu genießen. Ansonsten hüpfhubbeldoing. Spätnachmittags halten wir kurz am Straßenrand, um die Zutaten für ein leckeres Radler am Feierabend einzukaufen. Claudi springt über die Straße und kauft ein. Martin parkt wie angekündigt um, damit er ein wenig mehr von der Straße weg steht. Als Claudi zurückkommt, hat Martin Besuch bekommen. Zwei Polizisten belagern ihn. Was wollen die denn jetzt? Claudi kommt dazu und fragt schto/was? Der eine hat sich schon entfernt, der andere schaut streng und blättert in einem Fahrschulenbilderbuch – was darf man, was darf man nicht. Schto fragt Claudi erneut. Er zeigt auf die gegenüber liegende Straßenseite und die Stelle, an der wir kurz gehalten haben. Ja, und? Er blättert hin und her in seinem Heft und zeigt auf die andere Seite und stellt mit den Fingern Fußgänger da. Claudi fragt, ob er deutsch, englisch, spanisch oder französisch spricht. Nein. Hm. So langsam begreifen wir erstens, dass er uns ganz offensichtlich ärgern will und zweitens, dass wir auf dem Zebrastreifen gehalten haben. Das ist verboten. Das passende Bild im Heft findet er aber nicht…blätter…blätter…blätter. Claudi bringt erst mal den Einkauf auf die Beifahrerseite und nimmt einige Scheine aus dem Geldbeutel, damit er leerer ist…haben wir gelesen, nicht so viel Geld dabei haben bei Polizeikontrolle… Dann fordert sie ihn auf, ihr das an Ort und Stelle zu zeigen, er will nicht. Sie nimmt ihn mit an die vermeintliche Verkehrsverstoßstelle und bittet darum, zu zeigen, wo das Problem ist. Er zeigt das Schild für den Fußgängerüberweg, das gibt es in der Tat, aber leider kann man den Zebrastreifen so gut wie gar nicht mehr erkennen. Abgesehen davon haben wir schätzungsweise 10 Sekunden dort gehalten. Der hat doch einen Knall! Beamtenhorst. Claudi erklärt ihm erstens, dass es nur wenige Sekunden waren und zweitens, dass man den Fußgängerüberweg ja gar nicht mehr erkennen kann. Sie malt Striche auf den Boden uns sagt Farbe neu machen, nix sehen. Was soll das? Sie ist echt genervt und schimpft in verschiedenen Sprachen vor sich hin. Es geht zurück zum Auto. Können wir weiterfahren? Njet!! Warum nicht? Ist doch echt Kinderkacke, das sagt sie aber nicht laut. Er spricht von ‚Schtraf‘ (so heißt es auf Russisch wirklich), nennt uns aber partout keinen Betrag, den wir blechen sollen. Er scheint zu warten, bis wir die Geduld verlieren und etwas fragen oder anbieten. Naja, es gibt ja gar kein Vergehen, im tollen Heft hat er immer noch nichts gezeigt, selbst wenn, wäre es sehr lächerlich. Niemand war am Überweg, kein Bus hat gehalten, nichts. ‚Schtraf‘. Aha, jetzt reicht’s Claudi langsam und sie fordert recht energisch, seinen Chef und jemanden, der englisch kann, zu sprechen, und zwar in Endlosschleife. Das gefällt ihm nicht so, er meint ‚eine Sekunde‘ und blättert doch tatsächlich erneut in seinem Heft. Dann kreuzt Claudi die Zeigefinger und sagt sarkastisch ‚jetzt schon zwei Sekunden – Schtraf!‘ Ups, er muss fast grinsen, jetzt ist er fällig, also nochmal nach Chef und englisch gefragt, aha,…. Martin bekommt seine Papiere und wir werden fortgeschickt ‚Dawai!!‘ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, danke, einsteigen und weg und freundlich winkewinke. Einige Kilometer später steuern wir kurz vor Vinnytsia einen Schotterweg von der ‚Autobahn‘ links weg einen Zeltplatz an. Niemand da außer einem vermieteten Häuschen. Wir stellen uns in eine Kuhle vor dem waldigen Gelände und düsen am nächsten Tag weiter.

Saukerl

Saukerl

Vonwegen gedüst. Irgendetwas klackt im Reifenrhythmus am Fahrzeug, Mist, was ist das denn. Zum Glück kann man hier fast immer gut am Straßenrand halten, was wir sofort tun. Nun hat sich doch tatsächlich ein großer, fetter Stein zwischen den Zwillingsreifen eingenistet, muss auf dem Schotterweg passiert sein. Und dem Kerl gefällt es richtig gut fort, er ist nicht zu bewegen, fest reingefahren. Mit Zimmermannshammer und Stahlseil schaffen wir es schließlich, das Teil aus dem Reifenzwsichenraum herauszuhebeln. Uff! Aber noch ein zweites Mal an diesem Tag, nämlich beim zufälligen Halt an einer Heilquelle, müssen wir so einen Brocken herausarbeiten. Dort haben wir auch einen leckeren Mittagssnack bekommen und zwar Gehacktes im Brötchen, das in einem 7 Stunden lang erhitzten ‚Backofen‘ gebacken wurde. 

Die sogenannte Autobahn bleibt weiter miserabel, nur ein Stück zwischen Chmelnyzkyj und Ternopil ist akzeptabel. Wieder ein anstrengender Fahrtag. Gegen Ende kurz vor Stryi, die Karpaten sind in Sichtweite, genießen wir auf den letzten Kilometern eine astreine Fahrbahn, vermutlich wegen des Transits (und von dort mit finanziert?) aus den angrenzenden Ländern Slowakei, Ungarn und Rumänien so gut geteert. Wieder fahren wir links weg und halten in einer kleinen Senke abseits der Straße. Es ist, wie schon gestern, natürlich auch hier kühl, wir müssen die Heizung anmachen. Brrrrr….

Am nächsten Tag fährt Martin sehr wagemutig und gegen die Böschung hinaus, so dass der Trolli sein linkes Vorderrad aber mal locker 20-30 cm in die Luft hebt und das Kerlchen mächtig zur Seite schaukelt. Und: just das haben wir gefilmt, sehr cool….trotzdem ist Claudi fast in Ohnmacht gefallen beim Zuschauen.

Nun sind wir gespannt, wie wir durch die Karpati kommen. Aber klasse, die Straße bleibt zu 99 % hervorragend und ist mit Abstand die beste in der ganzen Ukraine, auch besser als Lviv-Kiew und Odessa-Kiew. Hammer und gut zu wissen für künftige Anreisen. Kurz vor der Grenze, wir haben uns für Ungarn entschieden (lustig, ursprünglich standen Polen, Slowakei, Moldawien und Rumänien auf der Ausreiseliste…), schauen wir noch bei dem Thermalbad, das uns Bernd empfohlen hat. Ach ne, igitt, viele Autos auf dem Parkplatz, sieht von Weitem aus wie Disneyland, total touristisch, tausend Ungarn gehen hier billig thermalbaden, da drehen wir mal ganz schnell wieder um. Und denken sehnsuchtsvoll zurück an unseren super einfachen, aber coolen Geysir im Nirgendwo beim Schwarzen Meer. Noch etwas futtern und ab an die Grenze. Dort nur einreihiges Stehen, ein kleiner Übergang. Der ukrainische ältere Beamte ist sehr freundlich, spricht etwas deutsch, schaut mit ‚Oh‘ und ‚Ah‘ das Innenleben des Trolli an, ist total begeistert, traut sich nicht, Türen oder Schränke zu öffnen, was Claudi dann wenigstens beim Bad für ihn macht. Alles easy. Der Beamte am Customs Schalter ist muffig, ein Sowjet-Horst, fragt nach zu verzollender Ware und dann Igor den Freundlichen, ob er kontrolliert hat. Natürlich, antwortet der. Sehr fein. Dann klappert er noch ewig auf seiner Tastatur herum…die Passport-Tante hat auch keinen Bock und zieht ein Gesicht, aber wir kommen anstandslos durch. Gut, jetzt die Ungarn. Ein sehr freundlicher junger Beamter, der durch den Trolli huscht. Dann ein Kollege, der nach Zigaretten fragt. Wir zeigen die zwei Stangen, die vorne mitfahren. Nur zwei Schachteln pro Person. Hä? Quatsch oder? Nein, zwei Schachteln. Aha, keine Ahnung. Dann bleibt der Rest hier, no problem. Irgendwie glauben wir das nicht, und der Kerl vermutet wohl, dass wir Ziggis schmuggeln. So etwas, wir würden doch nur Vietnamesen schmuggeln…im Ernst, er öffnet alle Fächer und Verschlüsse im Fahrerhaus, Schränke im Trolli hinten und klopft von außen die Wand ab. Zum Glück sieht er nicht die polnischen Zigaretten, die seit Wochen bei Claudi in der Ablage der Schlafkoje liegen, dann hätten wir irgendwie irgendwas erklären müssen. Die liegen da halt, seit Ukraine wird geraucht, was es dort gibt… Und er folgt all seinen Vorgängern in Polen und der Ukraine und sieht weder den Kofferraum noch den doppelten Boden. Hoffentlich lesen die mal nicht unseren Blog….

Für die Passkontrolle müssen wir nicht einmal aussteigen, nicht wie bei den Ukrainern und Polen von Schalter zu Schalter, das nehmen einem die ungarischen Beamten alles ab, sehr bequem und freundlich. Die Stangen dürfen wir auch behalten und nach 1 1/2 Stunden sind wir durch. Das lief gut, puh, Belohnung für die ätzende Einreise. 

see ungarnUngarn stand also gar nicht auf der Karte, wurscht. Jetzt noch ein Nachtplätzchen gefunden, heute ganz luxuriös aus der Stellplatz-App…klasse, ein schöner kleiner See mit Bänken und Grillvorrichtung und einigen einheimischen Anglern am Ende eines Dorfes. Total lauschig und ruhig. Noch ein Bierchen im bzw. vor dem kleinen Kneipchen 500 m entfernt. Witzig, neben uns zwei Einheimische, die von einem Kommenden mit Handschlag begrüßt werden, wir auch. Sehr freundlich und willkommen heißend. Claudi bekommt noch ein nettes Schulterklopfen. Und wenn ein Gast geht und sich von unseren zwei Nachbarn verabschiedet, werden auch wir mit Handschlag verabschiedet. Das ist total herzig, wir kennen hier keinen, sind ohnehin das erste Mal wieder in Ungarn seit 20 Jahren, sprechen aber auch gar keinen Fatz Ungarisch und dann ist das, wie wenn man zum Dorf gehört. Scheeee! Wir trotteln heim und gehen bald schlafen und finden die kuhnachtige Nacht toll.

Nach wieder mal hin und her und der Erkenntnis, dass sowohl unser Navi als auch die eben erworbene Straßenkarte nicht auf dem allerallerneuesten Stand sind, erwerben wir kurzfristig in einer Tankstelle ein elektronisches ‚Pickerl‘, damit es eine Ruhe hat. Wir werden effektiv nicht viel hier fahren, aber gut…unser polnisches Mautkästchen hat nämlich einige Male gepiepst und immerhin wissen wir, dass auch Schnellstraßen unter die Mautpflicht fallen können, bloß welche? So, jetzt vollends ab an den Balaton auf einen kleinen Platz, eher ein großzügiger Stellplatz als ein Camping, für uns schon Luxus…und vielleicht nach 11 Tagen und nur Meer und Waschlappen eine echte Dusche 😀? Die Tage dort lassen wir in Ruhe angehen. Es gibt nur deutsche Camper, für uns noch ganz ungewohnt. Außerdem ist die Saison hier vorbei. Kaum noch ein Campingplatz hat geöffnet, Kneipen ebenso wenig. Selbst der Einkaufsladen in 2,5 km Entfernung verfügt über ein Angebot, dass wir uns fragen, ob wir wirklich wieder in der EU sind. In unseren kleinen Magazini in der Ukraine gab es nicht wirklich weniger…. Ist komisch, so ein toter Ort, da gibt’s wohl nur ganz oder gar nicht.

Bei der jetzt schon kühlen Nachttemperatur lädt der See nicht mehr zum Baden ein, wärmt tagsüber nicht mehr genug auf. Wir ziehen nach ein paar Tagen weiter. Nächster See, jetzt der Neusiedler an der ungarisch-österreichischen Grenze. Aber kaum sind wir losgefahren, werden wir von der ungarischen Polizei herausgewunken. Zu schnell waren wir keinesfalls. Alles gut, es handelt sich lediglich um eine Fahrzeugkontrolle, der Trolli ist wohl etwas auffällig. Nicht mal inspiziert wird er, wir können sofort weiterfahren. Dann vor Österreich ein kleiner, natürlich nicht mehr besetzter Grenzübergang, aber oh, was sehen wir da? Direkt vor dem Übergang ein 3,5-t-Verbotsschild. Wir halten auf einem Seitenweg und schauen auf die Karte, aber das sieht schlecht aus, wir müssten einen elend langen Umweg fahren und auf die Autobahn wollen wir nicht, weil wir unser Mautkasterl noch nicht wieder aufgeladen haben bzw. es leer ist, zudem sauteuer in Österreich. Also drüber. Und wieder oh. Die Polizei winkt uns raus, na prima. Claudi steigt sofort aus und behauptet, sich zu freuen, nun könnten wir jemanden fragen, ob wir hier denn nicht dennoch fahren können…. Die österreichische Polizistin ist sehr freundlich und möchte erst einmal einen Blick in den Trolli werfen. Unser Tonnagenproblem interessiert sie nur am Rande. Warum Kontrolle? Menschenschmuggel! Aha. Wieder überlegen wir, ob wir uns damit nicht ein zusätzliches Taschengeld verdienen könnten, dann halt keine Vietnamesen, andere wollen schließlich auch rüber…, im Ernst, das Fahrzeug wird nur oberflächlich kontrolliert und das vor allem, weil man es nicht einsehen kann. Doppelter Boden etc. interessieren nicht…für uns dafür schon schneller erledigt. Wie schwer ist er denn, viel über 3,5 t, fragt die Dame dann noch. Oohhh, nur ein bissel, so um die fünf….grins. Wir erhalten ein verständnisvolles Grinsen zurück mit dem Kommentar, dass ein anderer Kollege strenger sein und uns umkehren lassen könnte. Wir wissen das zu schätzen und bedanken uns herzlich und düsen weiter. An einem Weingut können auch Wohnmobilisten stehen, von dort ist es nicht weit zum See. Der dortige Campingplatz kommt für uns nicht in Frage, zu viele Dauercamper und ein Riesenplatz, ist nicht. Und vom Trolli können wir mit zwei großen Hüpfern auf die Terrasse der zum Weingut gehörenden Wirtschaft und lecker Weinchen probieren, vier Sechzehntel, dazu ein bissel Brot und Wurst und Käse, lecker und ungewöhnlich nach wochenlanger deutlich einfacherer Zeit. Für uns enormer Luxus. Natürlich genießen wir das trotzdem und packen ein paar Fläschchen für den Heimweg mit ein. Am See waren wir natürlich auch spazieren, ist aber alles sehr reguliert, die Badestrände sind nicht öffentlich zugänglich, nur per Schranke. Jetzt, da die Saison vorbei ist, natürlich schon, aber wie ist das dann im Sommer? Sehr unfrei, finden wir. Die Weiterfahrt vom Neusiedler See gestaltet sich dann etwas schwierig, überall 3,5-Tonnen-Verbot, nur zugelassen für Quell- und Zielverkehr. Was ist das denn jetzt für ein Mist. Weit und breit natürlich auch keine Tankstelle, an der wir unsere Mautbox aufladen könnten. Und auf die Autobahn ohne geladene Box wollen wir nicht. Da verstehen die Schluchtis keinen Spaß. Donnerwetter aber auch. Also kurven wir ewig auf verbotenen Wegen herum, fahren um den halben See, nähern uns langsam aber sicher Wien, schwitzen aber schon etwas, weil wir absolut keinen Bock auf eine Diskussion haben. Naja, was heißt Diskussion. Da gibt’s schon Ärger, wenn man uns erwischt, kostet ’ne Stange Geld. Kurz vor, fast schon in Wien dann sehen wir endlich ein Hinweisschild für die sogenannte Go-Box. Unser Kasterl ist aber abgelaufen bzw. läuft am kommenden Tag ab. Aber wir können es gratis umtauschen und nun endlich wieder laden, falls wir doch auf mautpflichtigen Straßen unterwegs sein sollten. Die letzten Kilometer fahren wir nun vollends auf ‚verbotener‘ Straße, unser Ziel, der Stellplatz Wien, liegt im Süden und ist zum Greifen nah. Wir erreichen den Platz ohne Ärger und sind erleichtert. Nun freuen wir uns auf einige Tage in dem von uns doch sehr gemochten Wien. Jetzt sind wir also wieder so richtig in der Zivilisazion und den Versuchungen des Abendlandes ausgesetzt und müssen diese überstehen…

Wer sich bis hier durchgekämpft hat, kann nun noch Bilder schauen, bis bald…..