Herzlichkeit und Krieg – so nah beieinander

Motiv im DetailDann fahren wir nochmal so richtig über Land. Erst einen Teil der vorgestrigen Strecke (zum Glück der bessere dieser Route) zurück, dann ab nach Osten Richtung Petrykiwka, ausgeschildert als Provinzstraße, die sich alles in allem besser als die vorige Hauptstraße fährt. Weites Land, ab und zu kleine Dörfer, Ziegen, Pilzverkäufer am Straßenrand. Offenbar geben die Wälder unendlich viele Pilze her, Berge davon haben die Sammler aufgehäuft. Auch Gemüse, vor allem riesengroße Paprika, gibt es in Mengen. Ach, und Wassermelonen, Wassermelonen, Wassermelonen. 

wc busbhf-IMG_5466Petrykiwka, bekannt laut Reiseführer sogar über die Ukraine hinaus für seine Malereien, in Form von Schmuck, Teller und an Hauswänden. Beim Spaziergang durch die Stadt können wir nur wenig davon entdecken. Trotzdem bleiben wir hier auf unserem tollen Übernachtungsplatz am Busbahnhof (yeah!) mit top WC-Anlage.

Gut gefallen uns auch die temperaturabhängigen Fahrverbote, z.B. über 24 t, 7 t pro Achse, ab 28 Grad zwischen 8 und 20 Uhr nicht zugelassen. Gibt es in D auch, aber soweit wir wissen, nur mit Geschwindigkeitsbeschränkung. Macht hier bei der Hitze und den Straßenbelägen Sinn, heute 34 Grad, die schweren Lkw hauen den Belag zusammen und verursachen schlimme Dellen und tiefe Spuren, bloß wer hält sich dran? In Nowomoskowsk schauen wir die größte Holzkirche der Ukraine an. Die Holzkirche in Schweidnitz/Swidnica in Polen gefällt uns aber viel besser. Die Frauen, bei denen wir auf dem nebenan liegenden Markt einkaufen, sind erstaunt, dass wir aus Deutschland so weit gereist sind und hier her kommen und wünschen uns alles Gute, sehr herzlich. Eine nahezu kerzengerade Strecke bringt uns dann vom um die Ecke gelegenen Dnepropetrowsk nach Zaporishshja. Auf der dort im Dnepr liegenden Insel, die einst von Kosaken besiedelt und als Rückzugsort genutzt wurde, können wir auf dem Parkplatz nahe dem Museum bzw. beim dortigen Kiosk und Radlverleih stehen. Und, welch Glück, an der Steckdose des Kiosk andocken. Unser Strom geht nämlich seit Tagen wegen der Hitze ständig bergab. Der Kühlschrank arbeitet fast durchgehend, das braucht ordentlich Ampere, und unsere relativ kurzen Fahrstrecken und die Solaranlage können das leider nicht rausholen. Zuletzt waren wir in Markt Thierstein an der Dose, also schon super, aber jetzt wird’s eng. Der junge Mann vom Kiosk ist sofort einverstanden und will nur wenig Geld dafür. Beim Herumschlendern, hier ist mächtig was los, es gibt alte Kosakenstätten anzuschauen, ein Museum, viele Waldwege…kommen wir mit einer jungen Familie ins Gespräch. Sie ist aus Sewastopol und bedauert, dass sie nun nicht mehr in ihre Heimat kann. Außerdem schildert sie in wenigen Sätzen, dass das Leben hier in der Ukraine schwer ist, ein täglicher Kampf, Kinder versorgen, Essen bekommen etc. Trotzdem sind sie und ihr Mann sehr offensichtlich gut drauf und freuen sich, mit Ausländern reden zu können. Die Kinder quengeln dann aber leider, weshalb wir nicht weiterratschen können, die junge Frau spricht ausreichend englisch….endlich mal jemand… Am Abend gegen 9 Uhr, die Inselbesucher sind schon weg, der Kiosk hat geschlossen, der Nachtwächter ist da, klopft ein älterer Mann an unser Auto und beginnt zu schimpfen. Wir schauen hinaus, aber der Nachtwächter kümmert sich bereits und diskutiert was auch immer mit ihm und schickt ihn schließlich fort. Am nächsten Tag, dem 24. August ist der 25. Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeit. Auch hier auf der Insel wird gefeiert. Zum Glück aber wie bei einem Volksfest. Geschmückte Bäume, Trachten, Chöre, Essensstände und Kinderbetreuung und nicht wie in Kiew mit einer teuren und monströsen Militärparade. Poroschenko will eine friedliche Lösung des Donbas Konfliktes, lässt aber, wo regelrecht Armut im Land herrscht, die Währung düst wie Ihr bereits gelesen habt, beständig in den Keller, teuer die Muskeln spielen.
dreckfuss-IMG_5479Wir radeln ein wenig auf der Insel umher, wollen weitere der Sehenswürdigkeiten besuchen. Leider gibt es außer einem groben für Pkw an der Hauptkreuzung auf der 12 km langen und 2,5 km breiten Insel keine vernünftigen Wegweiser. Zudem sind die zu radelnden Wege teilweise so sandig und mit Kohlenstaub angehäuft, dass wir schwer vorwärts kommen. Und dann beginnt es auch noch zu regnen. Wir brechen früher ab und fahren nach Hause. Geschafft trotz weniger Kilometer und total verdreckt kommen wir heim. Dort herrscht Verkehrschaos auf der Zubringerstraße beim Ein- und Ausparken und der Parkplatzsuche. Hinten neben dem großen Parkplatz auf der ‚Festwiese‘ herrscht buntes Treiben. Nach kurzer Pause und den letzten Regentropfen mischen wir uns unter die Menschen, essen lecker Fleischspieß, lauschen den Gesängen des Frauenchors und schauen uns um. Abends, viele Besucher sind schon gegangen, bekommen wir von Maksim, dem jungen Mann vom Kiosk unser Bier, sein Kühlschrank lahmt etwas, extra aus dem Speiseeisfach. Er hat schon zuvor gefragt, ob es ein Bierchen sein darf. Als wir sagten später, hat er schnell zwei Flaschen kälter gestellt. Cool, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir kommen ins Gespräch und erzählen vom Meckerer gestern Abend. Da erfahren wir, dass dieser ‚Blockwart‘ sich beschwerte, dass wir Strom bekommen. Der Nachtwächter hat ihn fortgeschickt, es sei von Maksim genehmigt und klar, dass wir Strom bekommen, wenn wir das brauchen. Das sah der Alte nicht so und ist zur Museumsdirektion gegangen, um zu petzen. Maksim muss morgen dort antanzen. Ups, das ist uns aber unangenehm. Wir wollen nicht, dass er wegen uns Probleme bekommt. Nene, sagt er. Ihr kommt aus Deutschland so weit her hier zu Besuch in unser Land und braucht Hilfe, dann bekommt ihr sie. Was soll das? Ihr seid Gäste. Die spinnen doch. Ich war mit meinem Vater (LKW-Fahrer) oft auch in Westeuropa und sehe, was Service ist. Das müssen hier viele noch lernen. Claudi bietet an mitzukommen. Das ist nicht nötig, danke. Naja, er ist selbst groß, mehrfach angeboten, dann wird es wohl passen. Außerdem gibt es dann keine Diskussion, dass er Geld dafür genommen hat, auch das könnte man zugunsten des Museums regeln, wenn die Stress haben. Aber es bleibt dabei, Maksim ärgert sich über die Uneinsichtigkeit der alten Männer und regelt das alleine.
Bei den LKW-Touren des Vaters sammelt Maksim übrigens in Europa alte Fahrräder ein, nimmt diese mit hier her, repariert sie mit dem Kollegen, dann kommen sie in den Fuhrpark des Fahrradverleihs neben dem Kiosk. Dann kommen wir noch auf den Konflikt Ukraine-Russland im Osten des Landes zu sprechen. Maksim kritisiert die ukrainische Armee heftig. Ob wir im deutschen TV sehen könnten, was die alles anstellen? Sein Bruder hat eine große Ladung Fleisch dorthin fahren wollen, die ukrainische Armee zweigt davon einfach zehn Prozent ab oder kassiert einen entsprechenden und hohen Geldbetrag. So geht es angeblich auch mit anderen Transporten. Die Russen, so sagt Maksim, sind gut, die versorgen die Leute. Es sei kein Krieg da drüben, es ginge nur um Geld. Da macht die ukrainische Regierung, so glauben wir, vielleicht auch einen Fehler. Sie hat die Rentenzahlungen im Donbass eingestellt mit der Begründung, dass so kein Geld an die prorussischen Separatisten gelangen könne. Etwas fadenscheinig, wichtiger wäre doch, die dortige Bevölkerung, Ukrainer, zu unterstützen und den Russen nicht in die Arme zu treiben. Wenn wir uns etwas besser verständigen könnten, Maksim’s englisch ist sehr spärlich, würde er uns sicher noch viel Interessantes erzählen können. Die Medienberichterstattung ist immer gefiltert, gefärbt, man weiß gar nicht, was man glauben soll.
Bei diesem Thema gibt es noch etwas zum vielen Mais zu sagen und den Versuchsfeldern, die wir gesehen haben. Wir sprachen da, naja, flapsig von Genmais. Unsere Recherchen haben ergeben: Umweltaktivisten (ja schon ein Schimpfwort heutzutage) befürchten, dass die Ukraine als großes Genversuchsfeld genutzt wird und die entsprechenden Hersteller so einen Fuß nach Europa bekommen, um den Markt doch noch für Genprodukte zu öffnen. Interessant dabei ist, dass der zum Teufel gejagte Janukowitsch Genanbau strikt abgelehnt hat und das Abkommen mit der EU, das gescheitert ist, eine Klausel enthält, die sagt, dass sich beide Parteien verpflichten, „die Nutzung der Biotechnologien innerhalb des Landes zu erweitern.“ Die jetzige Regierung scheint dem offener gegenüber zu stehen. Monsanto und Dupont haben kurz nach Janukowitsch’s Abgang bereits Millionen in Landkäufe und Industrieanlagen gesteckt. Was soll man nun denken, wer hat recht, was stimmt, was nicht?
Leider ist Maksim am nächsten Morgen nicht da, als wir abreisen. Wir hinterlassen ihm eine Nachricht.
Von Zaporishshja führt uns der Weg weiter in Richtung Süden. In Myrne nahe Melitopol wollen wir alte Steinhaufen anschauen. Auch an der Autobahn (heute ganz ok, nicht so rüttelig wie schon oft) wird immer wieder Gemüse verkauft, Traubenstände sind zur Zeit in, an Transitstellen gibt es Kioske ähnlich wie in Poltava mit diversen Angeboten. Auf dem Parkplatz des Museums bzw. der Steinhaufen ist wenig los, hier können wir bestimmt übernachten. Das Steingrab ist ein Überbleibsel aus der Eiszeit und liegt schön im Nachmittagslicht umringt von Gräsern und kleinen Bäumen, die an Steppe denken lassen. Im Museum ist leider alles wie fast immer nur auf ukrainisch zu lesen, also können wir nur schauen und unser Wissen nicht wirklich erweitern. An der Kasse am Eingangstor erstehen wir ein Buch über das Gelände, ukrainisch russisch englisch. Immerhin. Die Kassiererin strahlt über das ganze Gesicht, als sie hört, dass wir aus Deutschland kommen und wo wir schon überall in der Ukraine waren. Toll findet sie das. Bei der Gelegenheit können wir mal eine Einheimische fragen, ob wir ohne Probleme einen Abstecher in’s 130 km östlich von hier und nur noch 80 km westlich von Mariupol gelegene Berdjansk an der Küste machen können. Sie sagt ja, das geht. museumgeschenk-IMG_4170Zurück am Trolli gibt es einen Kaffee. Claudi geht nochmal zur Kassiererin und bietet ihr ein Tässchen an. Sie sitzt den ganzen Tag in ihrem Kabuff, vielleicht tut das gut. Aber sie mag keinen Kaffee. Doch fünf Minuten später kommt sie zu uns auf den Parkplatz und schenkt uns einen Magnet, der wie ein Glücksbringer für’s Haus aussieht und mit typisch ukrainischer Sonnenblume, Kürbiskernen und stilisiertem Geld geschmückt ist. Er kommt von Herzen, sie legt ihre Hände auf die Brust und neigt den Kopf leicht und lächelt. Puh, wie liebenswürdig ist das denn. Wir sind geplättet und sehr gerührt, dass wir so freundlich und überaus herzlich behandelt, ja in ihrem Land empfangen werden. Am nächsten Tag wollen wir das Trolli-Klo in das dortige tiefe Plumpsklo leeren, sicherheitshalber nehmen wir etwas Geld mit. Verständlich, wenn doch jemand mal sagt, bitte zahlen, ist mehr als ein Kacka 😉 . Aber im Gegenteil, wir brauchen kein Geld, auf dem Rückweg bekommen wir einen weiteren Magnet, ein Bild der Steinhügel, geschenkt. Meine Güte, da will man ja gar nicht weiter fahren ob dieser Herzlichkeit. Wir bedanken uns innigst, bekommen gute Reise (oder so ähnlich) gewünscht und ziehen vondannen.
posten-IMG_5486Nach 40 km gen Osten kommt der erste Kontrollposten, eine halbe Straßensperre. Wir können ganz normal passieren. 20 km weiter der nächste Posten, dieses Mal mit Zelt und  zu einer Schutzwand mit Guck-/Schießlöchern aufgestapelten Steinblöcken. Passieren, alles stressfrei. Am Ortseingang von Berdjansk sind die kontrollierenden Soldaten mit MP bewaffnet, aber auch hier passieren alle Fahrzeuge. Durch den Ort durch wollen wir an die Landzunge am Asow’schen Meer fahren. Im Ort besteht der Straßenbelag teilweise aus ausgelatschten Betonplatten, deren Länge so doof für den Trolli ist, dass er, bergab fahrend, keinen Ausgleich findet, sondern sich extrem hochschaukelt, wir gautschen unglaublich, wie ein wild werdendes Pferd, und setzen fast auf. Das Ergebnis sehen wir nachher hinten im Wohnzimmer, da haut es dann mal so richtig die Sachen von den Haken und vieles mehr. Eindeutig so viel abgeräumt wie noch nie.
Die Halbinsel zieht sich nahezu 10 km in’s Meer und wir sind platt. Hier ist der Teufel los.  Viele viele Menschen, alles Einheimische, keine ausländischen Kfz-Nummern, aber echt was los. Frauen bieten ihre Zimmer auf Pappschildern an. Hotels, Appartmentblocks, ein echter Urlaubsort. Wir finden schließlich einen großen Parkplatz auf der anderen Seite der Straße, gegenüber dem Strand. Es ist aber kühl und windig, so dass wir den Strandtag verschieben. Unsere Nachbarn rechts sind ein Ehepaar im Lada und links ein LKW, dessen Fahrer heute (es ist Freitag) kein Gut transportiert, sondern Matratze, Gasbrenner, Frau und Kind. Die Ladefläche ist dieses Wochenende Strand-Apartment. Samstag, Wochenende , Strandtag, Sonne. Schon zeitig reisen die ersten Tagesbesucher an, rechts und links von uns wird es langsam voll, jedes Eck wird noch ausgenutzt, vor allem unter den Bäumen, über 30 Grad warm wird es heute werden. martinbad-IMG_5494Auch wir gehen am Spätvormittag an den Strand. Auf Baden hat sich Claudi nicht eingestellt, weil Martin kein Fan davon ist. Aber, huch, er zieht sich aus und was kommt da hervor, die Badehose. Unglaublich. Etwas aufwärmen und ab ins Asow’sche Meer, wenn schon weder in Portugal noch Spanien noch Frankreich gebadet, hier wird gebadet. Wir bleiben nicht zu lange, es ist recht warm, nur erträglich mit dem ständig wehenden Wind, der es dann aber fast schon kühl werden lässt, für Empfindliche zumindest….
Nachmittags schlendern wir zum Markt auf der Halbinsel und trinken ein Feierabendbier. Immerhin spricht hier ein Kellner englisch. Wir sind erstaunt.
Am nächsten Vormittag stellen wir nach dem Frühstück fest, dass der rechte äußere Zwillingsreifen hinten mal wieder auffällig wenig Luft hat. Stehen wir so sehr auf diese Seite? Nein, klarer Fall, da ist Luft raus. Na Mahlzeit, davor hat Claudi schon immer Panik, weil wir den alleine keinesfalls wechseln können. Der Popelwagenheber in unserem Auto schafft das nie, den über 5 t schweren Trolli hochzukurbeln. Wir wollen unseren Lada-Nachbarn fragen, ob wir irgendwie einen Werkstattwagen herlotsen
können. Er versteht uns sehr schlecht, will uns aber helfen und kommt mit seinem antiken, aber coolen Wagenheber her, sucht den Ansetzpunkt, aber da kommt der kleine Kerl, also der Wagenheber, nicht mal hoch genug. Wir pumpen mit der 12-V-Pumpe Luft in den Reifen, die geht auch rein, sieht gar nicht schlecht aus. Aber dann hören wir deutlich ein pffffff. Kommt vom Ventil. Das war schon mal von der Werkstatt nach Ventilwechsel nicht gescheit festgedreht, also versuchen wir es damit, dann macht’s aber noch mehr pffffff. Ok, das Ventil scheint kaputt zu sein, es bleibt beim langsamen pfffff, da hilft auch Aufpumpen nichts. Scheiße. Wir versuchen mal, den ADAC in Lemberg, dessen Telefonnummer wir im Internet in der Ukraine-Liste sehen, anzurufen. Sonntag, keiner geht ran. Unser Nachbar sagt, wir sollen in die Stadt fahren. Wir haben Bedenken, der Reifen hat zu wenig Luft. Er zerstreut unsere Bedenken, klopft auf den zweiten Zwilling, der muss das halten. Wir überlegen kurz und entscheiden uns dann für die Fahrt, es sind nur ca. 8 km, unser netter Nachbar zeigt uns auf unserer Karte die Werkstatt. Sonntag? Offen? Da, da, da, jajaja, offen, fahren und zurückkommen, grinst er. Also los, schnell alles zusammenräumen und ab in die Stadt. Klappt super, kein komisches Fahrverhalten. Die Werkstatt sieht aus, wie eine Reifenwerkstatt hier eben aussieht, klein, verdreckt, aber arbeitsam. Wir halten. Es dauert etwas, bis der Monteur kommt. Ein Bär von einem Mann. Er erkennt das Problem sofort, wir sollen quer vor der Werkstatt parken, das Dach ist nämlich zu niedrig für uns. Er löst die Schrauben, holt seinen Wagenheber und hebt….und drückt….und drückt, es geht irgendwann nicht weiter. Wie schwer? 5,3 t. Puh, oh nein, Kopfschütteln, schwitzen. werkstatt-IMG_5504Sein Wagenhebr packt max. 3 t. Martin hat die Idee und kurbelt eine unserer Absetzstützen, also die hinten rechts, herunter und hebt den Trolli damit zusätzlich an. Unser Monteur ist begeistert, das Rad hebt sich vom Boden, spitze. Vollends lösen, herausnehmen, ab in die Werkstatt und in 10 Minuten repariert. Länger dauert der Versuch, uns zu erklären, dass wir, so meinen wir, es verstanden zu haben, spätestens in Deutschland alle Ventile tauschen sollen. Alle. Das jetzige ist nje charascho, nicht gut. Und er zeigt uns ein gutes, das ist aus Metall, nicht so ein Pupsteil, wie wir es haben. Naja, die Info passt zu der der französischen Reifenwerkstatt, wo wir im Frühjahr 2014 auch diese Auskunft bekommen haben. Das Lustige, vielmehr Beknackte daran ist, dass wir genau das unserer Werkstatt in D damals gesagt haben und auch neue Ventile bekommen haben…..grummel. Klar, die Straßenverhältnisse hier fordern dem Fahrzeug viel mehr ab als auf unseren sonstigen Fahrten, trotzdem ist das echt witzig, dass wir nun hier in der Ukraine das gleiche Referat zu hören bekommen. Gewicht, hoher Druck im Reifen, Straßen, Ventil nix gut. Wir fotografieren extra das gute Vorzeigeventil und unser Monteur demonstriert nochmal: schlechtes, also unser kaputtes Ventil: pffffff, gutes, also sein Ventil: nix pffffff! Alles klar, das verstehen wir.
Puh, wir hatten mal wieder Glück im Unglück, klasse Nachbar, der uns Mut gemacht hat, einfach geschwind loszufahren, gute Werkstatt, guter Monteur. Wir bedanken uns dicke, der Monteur strahlt und verabschiedet uns total herzlich. Und krass, gekostet hat es 60 Hrivna, also ca. 2,40 EUR (alles, Ventil und Arbeit…!), was sogar unseren ukrainischen Nachbarn erstaunt. Der Tag kann doch noch etwas werden und wird es auch, ein gemütlicher Strand- und Bummeltag. Die Wellen im Meer sind nicht irre, aber ganz ok und vor allem Claudi schmeißt sich rein und quietscht sogar vor sich hin, eh sie merkt, dass lauter Menschen um sie herum sind. Egal, ist wie als Kind, total herrlich.
Bei der Kneipe  nicht zu weit von unserem ‚Stellplatz‘ füllen wir aus den Wasserhähnen der Strandduschen (ja, das gibt es hier) noch zwei 5-Liter-Wasserkanister, die wir als Wasch- und Spülwasser nutzen. Wir sind recht sparsam mit dem Wasser, weil wir nicht wissen, wann wir wieder vernünftig auffüllen können. Also nehmen wir auch solche Gelegenheiten für etwas Nachschub wahr. Ist halt nicht wie sonst. Jeder Zwergencamping irgendwo in der EU hat natürlich mehr Einrichtungen als hier, weil es hier nämlich nichts gibt. Aber bisher haben wir das ganz gut im Griff, noch wurden wir nirgendwo wegen auffälligen Stinkens des Platzes verwiesen 😉
Am kleinen Stand bei uns gegenüber spricht uns beim Bier holen ein junger Mann an, sind Sie deutsch? Ja. Wir wechseln ein paar Worte, aber wirklich gut deutsch kann er nicht, dafür etwas englisch. Immerhin mehr als andere, aber auch recht wenig. Er besucht allerdings eine, wie er sagt, Spezialschule in Zaporishshja, wo er herkommt, dort hat man 4-5 Wochenstunden statt nur 2-3 wie an der normalen Schule. Er will wissen, wie wir hierher gekommen sind. Wir zeigen auf den Trolli auf der anderen Straßenseite. Cool life sagt er dann. Wo wir waren…wir listen die Orte auf, bei Kaniv meint er, ist das nicht Weißrussland? Da müssen wir schon grinsen und Claudi entgegnet mit allem Gelernten, wenn es auch nicht viel ist, hallo, Kaniv, Taras Schwetschenko, Euer Nationaldichter, Grab, Park? Oh, entschlüpft es ihm da lachend, ja, er sei da nicht so fit…. Haha, echt witzig, wir erklären einem Ukrainer, dass das der Lieblingsort des Nationaldichters ist, wo er begraben werden wollte und wurde, schmunzel…. Dann nice to meet you und weg ist er, die Freunde warten…
Die Halbinsel hier wird übrigens sehr gut vom öffentlichen Verkehr bedient. Locker alle 15 Minuten fährt die Buslinie 15 hier vorbei bzw. hält bei uns und spuckt gerade am Wochenende immer viele Menschen aus. Die meisten Busse sind mit Gasflaschen auf dem Dach ausgerüstet. Schon bisher waren wir erstaunt, dass es hier in der Ukraine unzählig viele Gastankstellen gibt, auch fast jede Tankstelle hat eine LPG-Zapfsäule. Bis wir gesehen haben, wie im Kofferraum eines Lada die Gasflasche befüllt wird. Viele Fahrzeuge wurden umgerüstet und wie wir besonders hier sehen, fahren auch viele Busse mit Gas.

Am nächsten Tag wollen wir weiter. Oleg, der Lada-Nachbar, fragt, wann wir fahren. Nachher. Oh. Er will mit dem Bus in die Stadt, wir wissen nicht, ob wir uns noch sehen und verabschieden uns schon mal. Oleg ist dann aber schnell zurück, und schon wieder werden wir beschenkt, eine Flasche selbst gekelterter Wein von den eigenen Reben, und wieder sind wir sprachlos. Wie herzlich die Menschen hier sind, wenn man ein paar Takte mit ihnen gewechselt hat, irre. Beim Fenster schließen ruft Oleg come on Claudia, drink, come on, not go. Wir überlegen, Oleg und Valentina, über mehr sind wir bisher nicht hinaus gekommen, laden uns ein zu bleiben. Hm, naja, gefällt uns ja gut hier und wir finden es schön, dass wir zum Bleiben aufgefordert werden. Ok, wir bleiben, nehmen unsere Hocker und zwei Gläser und trinken sage und schreibe morgens um halb 11 selbst gekelterten ukrainischen Rotwein, etwas lieblich, süffig, schmeckt gut für halb 11. Wie krass! Brot, Käse und Wurst stehen auf dem kleinen Campingtischchen neben dem Lada. Eat eat, Oleg ist nicht zu bremsen. Oleg spricht ein paar Brocken englisch, sehr wenig und noch weniger deutsch, zu lange her, dass er es in der Schule gelernt hat.
Valentina spricht noch weniger englisch. Trotzdem schaffen wir es mühsam, uns auszutauschen. Oleg ist Taxifahrer und hat nebenher einen Laden oder andersrum? Valentina ist Buchhalterin. Ist und hat sind aber zur Zeit war und hatte. Die beiden kommen aus einem Ort einige Kilometer östlich von Donezk und haben wegen des Krieges keine Arbeit mehr. Seit zwei Monaten fahren sie mit Ihrem Lada durch die Gegend, besuchen unter anderem die Tochter, die in Mariupol Sprachen – Englisch und Griechisch – studiert und den Sohn, der hier ums Eck in einem Café arbeitet. Sie leben also seit zwei Monaten in ihrem Lada, der übrigens auch auf Gas umgerüstet ist und dessen Tank auch als Anschluss für den Gasherd genutzt wird. Unser TÜV würde spontan in Ohnmacht fallen. Fucking Russia hören wir oft von Oleg. Wir versuchen herauszubekommen, wie die Lage wirklich ist, weil wir unseren Medien nicht trauen. Das ist aber angesichts der krassen Meinungen hier und der mäßigen Verständigung schwer. Oleg und Valentina sagen, die Abstimmung vor zwei Jahren im Donbass war ein fake. Es gab keine vernünftige Abstimmung und die Mehrheit wolle nicht zu Russland gehören. Oleg meint, in 2-5 Monaten würde den Russen das Geld ausgehen und der Krieg sei vorbei. Wir und Valentina glauben das nicht. Sie sagt dann immer Ach, Oleg, nje und winkt ab. Die beiden versprühen trotz allem vergleichsweise gute Laune, vor allem Oleg. Sicher ist das oft auch Galgenhumor. Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, in der Heimat nicht mehr zu Hause zu sein und nicht zu wissen, wann es je wieder normal wird. Wenn sie am Donnerstag wieder heimfahren, müssen sie durch Kriegsgebiet, irgendwie kommen sie durch, sagen sie. Beide, Oleg etwas mehr, sind sehr schlecht auf die Russen zu sprechen. Wen wundert es. Das geht aber so weit, dass Oleg meint, die Russen haben überall ihr Geld und ihren Einfluss und zwar enorm, auch in Deutschland. Überall, alles wird von den Russen kontrolliert. So hören wir innerhalb von wenigen Tagen aus verschiedenen ukrainischen Mündern ganz unterschiedliche Meinungen und immer Extreme. Was glauben wir nun? Was wir immerhin glauben, ist, dass es so auch den Medien schwerfällt, die Lage zu durchschauen. Wie heißt es doch: Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst.
Wir gehen miteinander zum Strand und toben in den Wellen, die beiden sind echte Wasserratten. Beim Trocknen auf den Handtüchern liegend kann man immer wieder ihren in die Ferne schweifenden Blick erhaschen. Was geht wohl vor in den Köpfen, wie halten sie das aus? Wir wissen es nicht. Im Moment machen sie mit ihren Mitteln einfach das Beste aus der Situation. Sie leben von ihrem Erspartem, aber wie lange reicht das?
Die beiden gehen nach einem Eis im Café des Sohnes extra mit uns einkaufen, damit wir die richtige Wurst bekommen, nämlich die, die sie uns am Vormittag aufgetischt haben, eine Art Lyoner, sehr gut und nicht so fettig wie unsere bisherigen Wursterrungenschaften. Valentina sucht im Supermarkt die richtige Wurst raus, wir bedanken uns, sie sagt nur, ist doch normal. Normal ist für die Menschen hier trotz der so schwierigen Situation die unglaubliche Gastfreundschaft und große Herzlichkeit. Das ist wunderschön.

Am nächsten Tag ziehen wir schließlich weiter. Nicht ohne uns herzlich von unseren Nachbarn Oleg und Valentina zu verabschieden . Wir haben uns in der kurzen Zeit ins Herz geschlossen, der Abschied fällt schwer, Valentina muss sich nach der Umarmung wegdrehen, sie hat Tränen in den Augen. Wir dann auch. Wir richten den Trolli und dann, nein, bekommen wir noch ein Abschiedsgeschenk. Valentina schenkt Claudi ihr selbst gesticktes Lesezeichen. Darauf wird sie besonders gut aufpassen!

Das nur 50 km von Berdjansk gelegene Primorsk, das wir auf der Herfahrt bereits umkurvt haben, erweist sich als total verschlafen und alle Parkmöglichkeiten Richtung Strand gehören zu geschlossenen Geländen. Direkt an der Straße wollen wir nicht stehen. Also machen wir nun doch noch einen Abstecher nach Henitschesk kurz vor der Grenze zur Krim, auch noch am Asow’schen Meer gelegen. Auf dem Weg dorthin, nachdem wir hinter Melitopol gen Süden abgebogen sind, suchen wir an einer Tankstelle nach einer Möglichkeit, unseren Wassertank aufzufüllen. Nichts. Aber an der Tanke gegenüber ist auch ein LKW-Parkplatz, da könnte es etwas geben. Und tatsächlich, am dortigen WC- und Dusch-Häuschen sehen wir an der Außenwand einen Hahn. Wir wollen uns nicht einfach so bedienen, also fragen wir in der Tankstelle. Oh je, das ist schwierig, man versteht uns überhaupt nicht. Wir wollen wissen, ob es zumindest annähernd Trinkwasser ist. Wir werfen Worte wie Wasser kochen, Kaffee machen, Tee, Camper, Tank, nochmal Wasser in den Raum. Die beiden Frauen sind total verzweifelt, weil sie uns nicht verstehen. Trolli steht noch auf der anderen Straßenseite und ist nicht sichtbar. Wir zeigen ein Foto und erklären irgendwie nochmal. Tausend Fragezeichen in der Luft. Schließlich schöpfen wir pantomimisch Wasser und fragen charascho, also ‚gut‘. Dann bekommen wir tatsächlich eine Antwort, die wir zwar auch nicht verstehen, aber sie hört sich zusammen mit den Gesten irgendwie so an wie ‚wir nutzen es ja auch‘. Weil wir dieses Mal ohnehin sicherheitshalber wieder unser Bakterienpulver in den Tank tun und es auch nicht schlechter als das in Poltava sein wird, bedienen wir uns schließlich. Klasse, jetzt haben wir wieder 100 % Wasser im Tank und vier große Getränkekanister gefüllt. Perfekt!
Dann halten wir an einer dieser Verkaufsstandstraßen, wo es wie auch in und um Berdjansk viel getrockneten Fisch gibt. Das muss man mögen, wenn die Dinger da in der Sonne baumeln. Wir kaufen Paprika und Äpfel bei einer total netten, älteren Verkäuferin, die sich sichtlich über uns Touris freut. Am Nachbarstand wollen wir Wein kaufen. Den kann man innen sogar probieren, was leider Claudi machen muss 😉 . Wegen der 0,0-Promille-Grenze rührt Martin während der Fahrten natürlich keinen Tropfen an. Wer weiß, ob nicht doch mal kontrolliert wird… Der Wein ist, ähnlich wie das tolle Geschenk unserer Nachbarn auch nicht trocken, nein, er ist (leider) noch viel lieblicher, hat etwas von Saft, schmeckt aber intensiv und irgendwie trotzdem gut, kriegt man bestimmt gleich einen Dulli. Da nehmen wir nach 5 Versucherlen zwei unterschiedliche Flaschen mit. Statt gluckgluckgluckgluckgluck sagt man hier übrigens bullbullbullbullbull, das haben wir schon auf der Kosakeninsel lernen können, als der als Kosake verkleidete Kinderanimateur seine Späße mit den Kleinen gemacht hat. Das Verkäuferpaar ist deshalb ganz begeistert, als sie zum Probieren nur einmal bullbull sagen und wir dann gleich antworten bullbullbullbullbull, weil es sich richtig einheimisch anhört. Die zwei lachen sich kaputt über uns. Die junge Verkäuferin, die etwas englisch spricht, will Claudi dauernd nachschenken, aber es reicht. Wir entscheiden uns nun für den und den, alles lieblich, hier und da mit leicht anderer Note wie Aprikose oder so. Also her damit und später rein damit.
Auf unserer Mapsme Karte gibt es natürlich einige eingezeichnete Campingplätze. Alle haben sich bisher als nicht oder nicht mehr existent erwiesen. Trotzdem steuern wir hier  am Beginn der Halbinsel bei Henitschesk einen eingezeichneten an. Und was meint Ihr? Genau, es gibt so etwas oder was man hier so bezeichnet tatsächlich. Es ist ein Gelände am Meer, hauptsächlich Bungalows in verschiedenen Formen und Größen und vor allem alt, alles noch heftig nach Sowjet riechend. Die Dusche entpuppt sich als etwas übermannshohe Blechbox mit Boiler, also was hier ein Boiler ist. henitschesk-IMG_5517Da wir wieder ausreichend Wasser haben, könnten wir auch zu Hause duschen. Erstmal waschen wir uns morgen im Meer, das ist gesund und schont die Haut. Das Toilettenhäuschen, eine etwas größere Blechbox, haben wir noch nicht inspiziert, wird aber schon passen. So stehen wir also wenige Meter vom Strand mitten auf der Wiese und warten auf morgen, da kommt nämlich die Sonne wieder raus und wir springen nochmal in’s Asow’sche Meer, jetzt ganz in Reichweite der Krim. Alles friedlich hier. Wir haben keine Bedenken, unterwegs haben wir extra nochmal gefragt, ob wir ohne Probleme hierher fahren können. Ja, das geht und wir haben nicht den Eindruck, dass die Leute das einfach so dahin sagen. Die wissen schon genau Bescheid, was geht und was nicht. Pause – und bis bald, für Interessierte wieder ein paar Bilder.

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