Vokale und Breitengrade nehmen zu

Wir fahren also von Nida los. Die gut 40 km gehen, wie so oft, rückzus schneller, und wir kommen auch zügig auf die Fähre, es ist nicht viel Verkehr. Und wie wir feststellen und hiermit korrigieren müssen, waren die 30.- EUR für Hin- und Rückfahrt zusammen, naja, das geht dann noch. Trotzdem, das hören wir auch von anderen Nehrungsbesuchern, wird dort gut Kasse gemacht.
Bis Lettland sind es nur noch 40 km. latviaWir decken uns nochmals mit dem Nötigsten ein, Wasser etc. Unterwegs entscheiden wir uns spontan für eine kürzere Fahrt, weil das Wetter so schön ist und wir den Nachmittag dann lieber draußen als im Auto verbringen. Das ist eine gute Entscheidung, kurz drauf beginnt ein elendlanges Baustellenstück, für das wir fast eineinhalb Stunden benötigen. Die Autobahn wird gerichtet (hier ohnehin immer nur zweispurig). So passieren wir eine rote Ampel nach der anderen, nur eine Fahrbahn und das auch noch sehr schotterig, ist befahrbar. 

Insgesamt sind es 14 solcher Bauabschnitte auf ca. 30 km, 2 davon ganz kurz, die restlichen ungefähr einen km lang. Die Einheimischen fahren gerne mal an den bereits bei roter Ampel Wartenden vorbei und preschen noch durch. Das scheint gut zu gehen, wir können danach auch immer passieren, es hat ohne Gegenverkehr gereicht, trotzdem etwas gewagt. Dann kommen wir gegen 15 Uhr einige Kilometer südlich von Liepāja auf einem lauschigen Plätzchen an. Schöne Wiese mit Bar/Kneipe, Bänken und Tischen und kleinen Häuschen zum Übernachten. Liebevoll angelegt, viele Blumen, alles sehr gepflegt. Etwas weiter hinten eine weitere Wiese zwischen zwei Waldstücken, wo auch wir uns hinstellen. Ein kleiner Fußweg führt von dort durch den Wald, dann trauen wir unseren Augen kaum: verbelniekiniedrige, bewachsene Dünen, dann unberührter feinster, weißer Sandstrand, kaum Menschen, kein Müll, Natur pur, fast ein Paradies, wie herrlich. Das ist definitiv ein Geheimtipp. Mit der Fähre Kiel-Klaipeda oder Travemünde-Liepāja oder T-Ventspils ganz gut zu erreichen. Weg von intensivem Tourismus, akzeptables Essen zu besten Preisen, einwandfrei. Zweimal am Tag werden die Duschen und Toiletten geputzt, alles wie gesagt sehr ordentlich, dabei aber keinesfalls schnieke. Und weil es hier so schön ist, bleiben wir gleich noch einen Tag. Claudi spielt Fußball mit dem deutschen Nachbarsjungen (11 J.), Martin Indiaka mit dem ebenfalls deutschen Nachbarsmädchen (5 J.). Wir sitzen am Strand und spazieren, gehen auch ins Wasser, aber Martin ist das zu kalt. Bei der Hüfte macht er kehrt, brrrr….. Weil wir aber noch genug Weg vor uns haben, um das Baltikum zu durchstreifen, fahren wir weiter, behalten den Platz aber ganz fest in Erinnerung für eine Erholungswoche abseits jeden Trubels.
Im nördlichen Teil Liepāja’s statten wir der russisch-orthodoxen Kirche noch einen Besuch ab. Ein prachtvoller Bau, seht selbst in den Fotos. Auf dem Weg dorthin entdecken wir noch ein Hinweisschild zum Holocaust-Mahnmal, dem folgen wir danach. In den Dünen von Liepāja wurden über 3.500 Juden, viele sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten umgebracht. Wir sind ganz alleine an diesem wirklich beeindruckend schön errichteten Mahnmal. Dazu kann man gar nicht so viel sagen, weil es als Bild einfach wirkt. Mit Reihen von Steinen wird auch der Menschen gedacht, die Juden geholfen haben. Das Gesamtensemble ergibt den bekannten 7-armigen jüdischen Leuchter. Geschmackvoll, nicht kitschig, im Hintergrund Wald, Meer und Wind, wir müssen durchatmen.
Die Straße nach Kuldiga, wo es uns hinführen soll, ist nagelneu geteert, es fehlen sogar noch kilometerlang die Markierungen. Was für ein Genuss nach der vorgestrigen Fahrt. Auch in Kuldiga fällt uns auf, dass die meisten Gebäude mit den Nationalfarben beflaggt sind. Wie kommt’s? Wir schauen nach und siehe da, gestern war Unabhängigkeitstag, kein runder, ’nur‘ der 24-ste, aber natürlich ist das nach wie vor ein wichtiger Tag in der Geschichte aller baltischen Staaten. Kuldiga ist ein kleines hübsches Städtchen. Die Touristeninformation ist fabelhaft ausgestattet. Schöne kleine Faltkarten zu verschiedenen Regionen mit Sehenswürdigkeiten, Unternehmungen, Naturspektakeln usw. auf der Rückseite und das in diversen Sprachen. Die Hauptsehenswürdigkeit und gleichzeitig Erholungsstätte der Einheimischen ist allerdings der schöne Wasserfall nahe dem Zentrum am Fluss Venta. Das ist zwar kein hoher, dafür aber der breiteste Wasserfall Europa’s. Und drumherum kann man baden und plantschen. Wie eine Art Naturfreibad haben sie das hier angelegt, es gibt schwimmende Stege und sogar einen Bademeister, eine tolle Sache.
Beim Spaziergang auf die andere Seite der Brücke und das dortige Ufer werden wir von gehirnamputierten Quadfahrern fast umgefahren. Ihre scharfen Kurven spritzen Sand und Steine so sehr durch die Luft, dass wir nur mit Glück nichts abbekommen. Diese Gefährte konnten wir noch nie leiden, jetzt haben wir noch einen Grund….
Der vom Reiseführer angegebene Parkplatz für WoMos ist nur für Pkw und Motorräder, außerdem proppevoll. Also übernachten wir etwas abseits davon am Straßenrand, wo wir niemanden stören. Auch uns stört die Nacht über niemand. Am Morgen werden wir von einem Storch begrüßt.
Dann besuchen wir gleich einen Anziehungspunkt aus dem eben erworbenen Faltblatt, den ersten Barfußpfad im Baltikum. Und weil Samstag ist, haben nicht nur wir diese tolle Idee. Schon lange, bevor man zum Pfadbeginn kommt, müssen wir wie die anderen am Straßenrand parken. Der Weg ist schmal, rechts und links Wald, hoffentlich können wir nachher noch gut genug rangieren zum Drehen. Dann nichts wie los. Aus Unwissenheit steigen wir mitten im Pfad ein, was der Angelegenheit aber keinen Abbruch tut, und so laufen wir gefühlt mit halb Lettland diesen schön gemachten Pfad und haben eine Menge Spaß. Wir laufen abschnittsweise auf Zapfen, Torf, Kies, Steinen, Baumstümpfen, Glas (geglättet), Glasmurmeln usw., am besten gefällt uns der Schlamm 🙂 . Auf dem weiteren Weg besuchen wir noch eine Schwefelquelle im Kurbad Kemeri, wo sich einst russische und sowjetische Kurgäste verwöhnen ließen. Trotz seines Zugangs zum Naturpark, aber eben nicht am Strand liegend, und weil sich das benachbarte Jurmala wohl besser vermarktet hat, war Kemeri nach der Wende nicht mehr zu retten. Halb verlassen liegt der Ort im Kurischen Land. Auch wir waschen uns mit dem Schwefelwasser das Gesicht. Donnerwetter, stinkt das, aber sogleich fühlen wir uns porentief rein 😉 .
Nun ist es nicht mehr weit nach Riga. Der dortige Campingplatz ist nicht viel mehr als ein Stellplatz. Betonflächen, etwas Wiese, WC im Container, Türen nicht verschließbar. Duschen auf dem Areal weit weg und sehr schlicht. Aber das ist der stadtnaheste Platz mit 2,5 km Entfernung. Am ersten Abend gehen wir allerdings erst einmal diesseits der großen, stark befahrenen Brücke spazieren. Dort finden wir noch die schönen und typischen alten Holzhäuser, Gesichter Lettlands, teilweise sehr schön renoviert. Zufällig landen wir in einem Lokal, das sich als ordentliches Restaurant entpuppt. Prima Service, sehr gutes Essen zu akzeptablem Preis. Das tröstet uns etwas hinweg über die erste Ernüchterung ob es unschönen Stellplatzes und des Weges an stinkigen Straßen entlang, alles andere als fußgängerfreundlich.
Am nächsten Tag ist Riga natürlich fällig, DIE Jugendstilstadt. Und wahrlich, viele wunderschöne Gebäude, für einen Jugendstilfan ein Muss. Trotzdem werden wir nicht warm mit Riga. Sie entfaltet keinen Charme. Tolle Gebäude, viele Restaurants, aber auch Abzocke. Das obligatorische Landesfähnchen, das wir in jedem Land ergattern, kostet hier mindestens das Doppelte und das bei den sonst in diesem Land deutlich günstigeren Preisen. Natürlich können wir uns das gerade noch leisten, aber diese überzogenen Preise hinterlassen bei uns ein Geschmäckle, weshalb wir den Kauf boykottieren 🙂 . Auch die Parkplatzpreise sind hahnebüchen, da gibt es attraktivere Städte, die sich anders vermarkten. Leider erfasst uns also alles in allem nicht die Begeisterung anderer Reisender, trotzdem schauen wir viel an, nämlich fast alle 18 Sehenswürdigkeiten unseres – ja, genau – in Kuldiga erworbenen Riga-Faltblattes, das wir hier übrigens nicht finden konnten… Wir laufen fast 20 Kilometer an diesem Tag und sind fix und fertig, aber selbst gewählt. Am kommenden Tag nutzen wir unsere Mobilität und fahren weiter, zum Glück sind wir uns in solchen Fällen immer einig. Auch die nicht gerade überschäumende Freundlichkeit, vielmehr Gleichgültigkeit und fehlende Empathie der Hauptstädter lädt uns nicht zum Verweilen ein. Allerdings haben wir bereits vorher festgestellt, dass die Litauer insgesamt, so unser Eindruck, trotz besserer Verständigung recht nüchtern daherkommen. Obwohl wir ‚unsere‘ Polen irgendwie unfreundlicher fanden als vergangenes Jahr (im Süden), merken wir jetzt, dass diese herzlicher sind, auch wenn wir uns viel schwerer verständigen können, weil die Polen eindeutig schlechter in Sachen Fremdsprachen aufgestellt sind (wir berichteten bereits). Sie bemühen sich mehr in der Sache, sind offener, weniger nüchtern.
Wir sind nicht weit weg von Turaida, also machen wir einen kleinen Umweg zur bekanntesten Burg Lettlands. Leider ist nicht mehr viel übrig, ein wenig erneuert, der Burgbesuch selbst ist nicht wirklich eine Attraktion, aber Teile der Ausstellung sind sehr schön gemacht. A4-Bücher mit dickem Papier und in Ledereinband präsentieren die Themen, Lederbändchen trennen die Sprachen (lettisch, englisch, russisch und deutsch) voneinander. Auch hier stellen wir fest, dass der Parkplatzpreis im Vergleich zum Eintrittspreis unanständig hoch ist. Insbesondere, wenn man die günstigen Essenspreise, vor allem auf dem Land, kennt. Das können sich viele Einheimische ohne weiteres sicher nicht leisten. Zur Veranschaulichung: Parkplatz 3,61 EUR, Burgeintritt 4.- EUR, halbe Portion Schnitzel mit Pommes und Rohkostsalaten (und die ist noch zu viel!) 2,80 EUR.
Wir steuern noch das kleine Örtchen Cēsis mit seiner alten Steinburg an. Ein Graf nahm sich vor Jahren der Renovierung an, leider ist keine komplette Anlage mehr sichtbar, aber die dicken Türme sind beeindruckend. Und um diese zu besuchen, bekommt man eine Laterne mit Kerze in die Hand gedrückt, weil man hier auf Beleuchtung verzichtet, eine lustige Idee! Zurück Richtung Küste entdecken wir immer noch einige Störche, die sich offenbar nach wie vor schwer tun mit ihrer Abreise in den Süden. Naja, wie wir halt 😉 . Dann an der Küste entlang fahren wir meist kerzengerade, die Straße führt durch schöne Wälder, deren Stämme im Nachmittagslicht rotbraun leuchten und zu deren Füßen niedriges Heidekraut lila blüht.
Wir wollen waschen. Leider hat der von uns angesteuerte Platz aber nicht die ausgewiesene Waschmaschine. Egal, dann gibt es wieder mal Handwäsche, das Wetter ist nach wie vor prima, die Sonne scheint, ein leichtes Windchen weht. Dann empfangen uns auf der Weiterfahrt wieder Baustellenabschnitte, dieses Mal aber nur 5, die wir schnell passieren können. eestiUnd schwupp sind wir in Estland. Dort bekommen wir gleich an der ersten Tankstelle unser neues Lämpchen für das kaputte Rücklicht, wahrscheinlich durchgeschmort ob des vielen Wassers, das sich in der Abdeckung gesammelt hat. Dabei hatte uns der Meister bei bimobil doch im Sommer großartig erzählt, dass sie immer kleine Löcher unten in die Abdeckung bohren, damit evtl. eindringendes oder Schwitzwasser abfließen kann. Wohl nicht immer, wie bei unserem Montagsauto 🙁 . Die Autobahn ist frisch geteert, und die Esten arbeiten ordentlicher, es gibt weniger Unebenheiten oder schlechte Übergänge. Durch Birken-, Kiefer- und Mischwälder geht die schöne Fahrt. Mittagsimbiss gibt es in einer kleinen Kneipe am Straßenrand. Ein paar Tische und Bänke statten den kleinen, länglichen Raum aus. Bestellt wird an der Durchreiche, dort auch abgeholt. Verständigungsprobleme gibt es keine. Man spricht gut englisch!
Lange haben wir darüber nachgedacht bzw. recherchiert, auf welchen der beiden schlecht bewerteten Plätze in Tallinn wir gehen sollen. Schließlich haben wir uns für Pirita, wie der andere östlich der Stadt liegend, entschieden. Dort stehen wir am Hafen, und weil wir nichts erwartet haben, sind wir nicht enttäuscht. Wir werden freundlich empfangen. Toiletten für die Hafennutzer gibts mit Code, so kann nicht jeder hinein. Sie sind nicht toll, aber wir kennen Schlimmeres. Duschen gibt es inzwischen statt weit weg im Sportheim direkt am Platz, ein neues Häuschen wurde gebaut. Strom und Wasser ausreichend vorhanden, prima Internet, mehr oder weniger ruhig, etwas Wiese zum Sitzen und 5 Minuten zum Bus. Für einen Stadtplatz alles akzeptabel. Unsere Spannung steigt, kann Tallinn unsere Enttäuschung in Riga wegputzen? Der Beginn ist prima, unser Nachmittagsspaziergang führt uns nicht in die Stadt, tallinn-surfer sondern in die andere Richtung an den Strand, wo sich viele Surfer mit Segel oder Schirm tummeln. Von dort erhaschen wir auch den ersten vielversprechenden Blick auf Estland’s Hauptstadt. Wir schnuppern sie schon, die, wenn man Büchern und Erzählungen glauben darf, gleichzeitig moderne und historische Luft Tallinn’s. Aber hier müssen wir Euch vertrösten, weiter geht es im nächsten Bericht. Viel Spaß beim Lesen und Bilder schauen.