Alte Städte, schöne Landschaften

Weiter geht’s über das Städtchen Bardejov/Bartfeld, das einen wunderhübschen Marktplatz hat und wo wir einen Kaffee trinken, auf unseren ersten slowakischen Platz westlich von Prešov/Preschau. Hmmm, der ist neben einer Tankstelle und einem LKW-Parkplatz, alles sieht ziemlich abgewrackt aus. Aber wir wollen nur eine Nacht bleiben und haben dafür wenigstens lustige, meckernde Ziegen als Nachbarn vor der Tür. 
Dann aber ab in die Hohe Tatra. Leider haben wir gar kein gutes Wetter und spüren nur zu sehr die Ausläufer des Polartiefs, das sich auch bis dorthin bemerkbar macht. Nachts bis zu zwei Grad minus, tagsüber keine 10 Grad. Och, ist das schade, wo wir hier doch mal eine Woche pausieren wollten. Aber dafür ist es definitiv zu kalt und ungemütlich. Aber wir harren zwei Tage aus, bis die Wettervorhersage hält, was sie verspricht, Sonne, Sonne, Sonne. Schon morgens um halb sieben wird die Tatra mit ihrer Lomnitzer Spitze schönstens beleuchtet.
Wir machen uns nach dem Frühstück auf in den Ort zum Lift. Dort angekommen werden wir erst einmal sehr enttäuscht. Wir sind genau in der Mitte des Zeitraumes dort, in dem die dritte Seilbahn, die von der Mittelstation auf die Lomnitzer Spitze führt, repariert wird. Heidenei, so ein Pech aber auch! Wir können es nicht ändern, also in die Kabine und bis zum Steinbachsee hochgefahren. Der frühe klare Blick war schon auf dem Weg zum Lift nicht mehr gegeben, und oben ist nun alles in Nebelschwaden gehüllt. Aber die verziehen sich regelmäßig, so dass wir doch toll zur Spitze hochschauen können.

Wir packen unsere Wanderstöcke aus, nachdem wir die Karte nochmals inspiziert haben und entscheiden uns für den blauen Weg. Und dann haben wir eine wunderschöne Wanderung entlang der Berge, teils etwas schwer zu gehen, weil kein Weg, sondern ‚geordnetes‘ Geröll. Enzian und Preiselbeeren begleiten uns, schöne Ausblicke, blauer Himmel, Kälte, aber die Sonne wärmt ausreichend. Wir sind total zufrieden, es lohnt sich nicht, der kaputten Seilbahn nachzuweinen….

Vor allem im unteren Teil sehen wir dann die starke Verwüstung, die der Orkan 2004 hier angerichtet hat. Auf 40 km Länge und 4 km Breite ist er durch die schöne Hohe Tatra gefegt und hat unzählig viel Landschaft zerstört. Noch immer sind die Ortsansässigen mit Fäll- und Aufräumarbeiten beschäftigt. Was für eine Mühe, diese riesige Fläche auszuputzen und wie lange es dauern wird, bis in diesem Klima wieder einigermaßen Nachwuchs da ist.
Weil es so kalt ist, verabschieden wir uns früher als gedacht von der Hohen Tatra. Aber wir fahren statt wie herzus durch die ganze Tatra zurück, das ist ein schöner Weg, kurvenreich mit herrlichen Ausblicken.
Am Stausee von Liptovsky Mikuláš bleiben wir wegen des tristen Wetters auch nur kurz. Sehr schade, denn der Camping liegt toll am See, diese Ebene wird umschlossen von der Hohen Tatra im Norden bzw. Nordosten, von der Niederen Tatra im Süden und der Fatra im Westen, herrlich, aber erst richtig herrlich, wenn auch die Sonne scheint und es nicht nur grau in grau ist. Weiter Richtung Süden besuchen wir auf dem Weg das Städtchen Banská Bystrica/Neusohl, das mit einem hübschen Zentrum aufwartet. Nach gemütlichem Mittagessen geht es weiter, und wir landen auf einem Platz, der zwar kein richtiger Camping, aber dennoch sehr einladend ist. Hinter uns auf dem Hügel eine kleine Burgruine. Ein Restaurant mit großer, gemütlicher Terrasse, eine weite Wiese, auf der außer uns nur noch ein Zelt steht. Dusche und WC sind in einem Contanier, aber alles sehr sauber, und Warmwasser gibts auch. Und die Sonne schaut nach dem dicken und lange anhaltenden Morgennebel hier im Tal auch wieder heraus, ach, herrlich, wir lesen und faulenzen. Richtung Westen fahren wir über die slowakische Weinstraße entlang der Kleinen Karpaten weiter. Wir wollen Wein einkaufen. Im ersten dafür geeigneten Ort finden wir auch einen Parkplatz für Trolli, aber nicht die im Reiseführer stehende Info, die hier gerne noch Tipps gibt. Ein Weinhändler mit Restaurant erscheint uns zu schicki, also fahren wir weiter. Im nächsten Ort, in Pezinok sind wir dann erfolgreich. Allerdings macht die Verkäuferin keinen sehr engagierten Eindruck. Und dann möchte sie auch noch den Weißwein zum Probieren ins bereits benutzte Rotweinglas schenken. Claudi murmelt nur ‚oh Gott‘, aber ups, das reicht. Sie hat’s gehört und fragt sofort, ob wir ein frisches Glas möchten und ist ab dann auch irgendwie freundlicher, erstaunlicherweise. Wir packen unsere Weinchen ein, liefern Sie im Trolli ab, futtern noch etwas und fahren nur noch wenige Kilomteter mit Bratislava. Dort erwartet uns ein fast leerer Campingplatz, der sehr armselig ausschaut. Außerdem schleichen ständig irgendwelche Gestalten über den Platz oder rasen mit Motorrädern und Autos vorbei. Wenigstens kommen wir mal wieder zum Wäsche waschen. Allerdings reicht es nur zu einer Maschine am Nachmittag. Am nächsten Tag wird die Maschine abgeholt, weil der Platz in zwei Wochen schließt.
Es bleibt bei nur einem Stadtbesuch, den wir gut mit der Straßenbahn ‚erledigen‘ können. Die Stadt ist schön, aber vielleicht sind wir gerade zu satt, als dass sie uns begeistern könnte. Alles in allem hält sich unsere Begeisterung für Stadt und vor allem Campingplatz in Grenzen, wir packen am nächsten Tag spontan zusammen und düsen ab. Aber bevor wir die Slowakei verlassen, besuchen wir noch das 20 km südlich von Bratislava und an der Donau gelegene Danubiana Meulensteen Art Museum. Und wir sind begeistert. Gar nicht nur von der modernen Kunst im Innern, sondern insbesondere von der Lage und den Arrangements. Ganz toll haben der Architekt und die Künstler hier geplant.

Immer wieder werfen wir durch raumhohe Fenster einen Blick auf die seicht dahin fließende Donau. Das Gebäude ist der Form eines Schiffes nachempfunden, im Innern oder auch Äußern oft versehen mit einem zum Blick passenden Kunstwerk. Erst vor einem Monat wurde der neue Bauteil eröffnet, der auch auf dem Dach Kunstwerke ausstellt. Außerdem umgibt diesen Teil eine schöne Anlage mit modernen Skulpturen. Also das haben sie wirklich spitze gemacht, so schön eingebettet in die Landschaft und mit der Kunst verwoben, einen Ausflug absolut wert!
Dann trennen uns nur noch wenige Kilometer von der Grenze. Nun müssen wir unser Mautkästle zurückgeben. Das funktioniert erfreulicherweise viel unproblematischer als in Polen. Kästle zurück, Mietgebühr zurück ebenso wie das Restgeld. Und 1 km weiter auf österreichischer Seite dürfen wir uns dann gleich ein neues holen. Der junge Mann am Schalter vom ÖAMTC ist reichlich unengagiert, man könnte auch lustlos sagen. Die Einstufung der > 3,5 t-Fahrzeuge erfolgt weiters über die Emmissionsklasse. Wir meinen, der Trolli sei Klasse 5. Aus unseren Papieren kann man das aber nur ersehen, wenn man, wie die Polen, ein Büchlein hat, in dem die ‚Übersetzungen‘ der Kfz-Schein-Eintragungen stehen. So etwas gibt es wohl in Österreich nicht. Wir werden zwar mit Klasse 5 eingestuft, müssen dies nun aber innerhalb von 14 Tagen der Mautfirma Asfinag nachweisen, sonst Keule. Unser Hinweis, dass andere Länder die Einstufung auch selbst vornehmen, interessiert den jungen Mann nicht. Dafür weist er uns darauf hin, dass wir das nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Die Asfinag sei hier sehr streng und bestehe auf den Nachweis, der mit der vom Hersteller den Papieren beiliegenden Bescheinigung erbracht werden müsse. Naja, wir nehmen es ja nicht auf die leichte Schulter im Gegensatz zu dem unwilligen Kerl, der sich das Leben leicht zu machen scheint. Schließlich packen wir das neue Mautkästle, nun wieder so ein kleines wie in Polen, ein und fahren weiter. Bei unserer nächsten Kaffeepause an der Raststätte entdecken wir zwei Mitarbeiter der Asinag, wahrscheinlich Kontrolleure. Diese Gelegenheit packen wir gleich beim Schopf und fragen die Jungs, wie das mit dem Nachweis der Emmissionsklasse hier in Österreich funktioniert. Wir erhalten die identische Auskunft. Auf unserem Stellplatz südlich von Wien angekommen, suchen wir im Netz nach einer Liste, die die Emmissionsklasseneintragung unseres Scheines übersetzt. Das vom Hersteller beiliegende Papier haben wir nämlich nicht. Also wir wissen gar nicht, ob wir es jemals hatten, ob es irgendwo in den Papieren bei Jenny liegt oder oder oder. Wir finden eine tolle Liste der deutschen Mautgesellschaft, die unsere Eintragungen im Kfz-Schein Ziffer 14 und 14.1 eindeutig in Emmissionsklasse 5 übersetzt. Das und den Schein fotografieren wir und schicken das Zeug per Mail an die Asfinag. Wenige Tage später erreicht uns eine ellenlange Mail, die lang und breit erklärt, wie man was auf der Asfinag Internetseite nachschauen und online melden könnte, blablablablabla, auf Seite drei schließlich der Hinweis auf den dreiseitigen Anhang und den dort verzeichneten Buchstaben, der wiederum auf Seite drei selbigen Anhangs ganz schlicht besagt, dass unsere Meldung erledigt und erfolgreich ist. Ganz am Ende dann tatsächlich auch noch in normalem Deutsch „Herzlichen Dank für die übermittelten Nachweisdokumente. Die Nachweisprüfung wurde erfolgreich abgeschlossen.“ Hammer, wir lesen den ganzen Kram wiederum dreimal, weil wir kaum glauben können, dass man diesem Satz, der alles besagt, eine dreiseitige Mail samt dreiseitigem Anhang voranstellen muss. Die sind wirklich auch Beamte, die Österreicher. Trotzdem sind wir natürlich froh, dass unsere Meldung doch so unkompliziert erfolgen konnte und akzeptiert wurde.
Wien! Wie schön, dass wir wieder einmal hier sind. Einer unserer ersten Städteausflüge vor, puh, wir wissen es gar nicht mehr, locker 15 Jahren, galt Wien. Seither waren wir nur kurz dort, als Wien das Ziel unserer damaligen Radtour war und dann noch vor wenigen Jahren zu einem weiteren Kurzausflug. Von unserem Stellplatz sind es nur wenige Meter bis zur U-Bahn, und gleich sind wir begeistert vom Wiener ÖPNV. So gut wie keine Wartezeiten beim Umsteigen in den U-Bahnen, und da ist die Straßenbahn noch gar nicht eingerechnet. Einfach super.
Claudi hat noch immer regelmäßig mit ihrer früheren Zimmerkollegin und Freundin Anette Kontakt. Wie es der Zufall so will, schreibt sie ihr von der (ungeplanten) Ankunft in Wien und, was für ein schöner Zufall: Anette ist dieses Wochenende auch in bzw. um Wien. Da machen wir natürlich gleich ein Treffen aus für Samstagmorgen zum Frühstück. Wie schön, dass wir uns hier sehen und eifrig plaudern können. Wunderbar! Einzig die, wie wir später in der ‚Gebrauchsanweisung für Wien‘ lesen, unangestrengte Unfreundlichkeit der Bedienung (immer noch die treffendste Formulierung für die Wiener Art, mit der man sich gelegentlich schwer tut) macht uns zu schaffen. Auf die Bitte hin zu zahlen das Zücken des Blockes und ein fast kasernentonartiges „Bittschön!!“, das wir mit einem in die Luft gestellten Fragezeichen beantworten „Ja??“. Wiederum „Bittschön!!“, man bemerke, nicht als Frage sondern als Ausrufung. Bis wir nach dem dritten Bittschön schließlich einlenken mit der Frage, ob die Dame wissen wolle, was wir hatten. Vernünftigerweise weiß das die Bedienung, aber hier in Wien darf man in manchen Cafés froh sein, Einlass zu finden und schulbuben- oder -mädchenhaft aufzusagen, was man denn nun hatte. Wir sind ganz fasziniert von dieser unangestrengten Unfreundlichkeit, die wir so noch nicht erlebt haben. Aber das hat natürlich nicht die Wiedersehensfreude beeinträchtigt. Im Gegenteil, wir haben noch eine tolle, gemeinsame Erinnerung.
Ansonsten streifen wir planlos durch Wien. Genauso planlos, wie es uns kurzfristig her verschlagen hat. Wien stand so gar nicht auf unserem groben Plan. Wir laufen viel und kreuz und quer durch die Stadt, fahren nach Grinzing zum Sturm, dem frischen Traubensaft. In Mariahilf entdecken wir einen klitzekleinen Laden ‚Lotte näht‘, der vor allem Stofftierchen für Kleinkinder und Babies herstellt. Also wirklich selbst herstellt, nämlich in der Stube näht. Und es sind nicht die üblichen Bärchen usw., sondern Flöhe, Rochen und andere unübliche Tiere, die aber immer ganz durchdacht so und nicht anders genäht wurden. Auch für die Großen gibt es Anfertigungen, alles wie gesagt Handarbeit, meist auch aus heimischen Stoffen. Wie zB der Rochen, der es Martin so angetan hat für das sich für Anfang April ankündigende Enkelkind. Nur ein leichtes Rascheln aus dem Innern, schmal, damit er überall Platz hat und genug Stoff seitlich der Kiemen zum Kauen und Schlabbern, und sein Stoff kommt aus Vorarlberg. Ein Rochen ist nun also nach Pliezhausen geschwommen.
Wir besuchen ein Konzert in der Karlskirche, sind dann aber von Orgel, Pauke und Trompete etwas enttäuscht, weil doch wenig Pauke zu hören war und oft nur die kleine Orgel vorne spielte. Dafür landen wir in der Burg, dem Burgtheater, einen Treffer, wenn man das so sagen kann. Wir besuchen das Werkstück ‚Die letzten Zeugen‘. Es geht um die Erinnerungen von Wiener Juden, die die Nazizeit überlebt haben. Rechts auf der Bühne stehen vier Stühle, auf denen die Schauspieler bzw. Sprecher nebeneinander mit Blick zur Bühnenmitte sitzen. Vor ihnen ein Pult. In der Mitte quer fast über die ganze Bühne eine Art Wand, die aber wie ein Netz oder Vorhang leicht durchsichtig ist. Dahinter ganz hinten am Bühnenende die überlebenden Zeitzeugen nebeneinander auf Stühlen. Man sieht sie so nur schemenhaft. Direkt hinter der ‚Wand‘ ein Schreibtisch, an dem eine Frau sitzt, auf dem Tisch Endlospapier von rechts nach links. Immer wenn die Schauspieler die Aufzeichnungen der Überlebenden abwechselnd vorlesen, beginnt die Frau zu schreiben und ihre Notizen, die ersten Worte der Aufzeichnungen, werden auf die Wand projiziert. Dann in schwarz-weiß das Gesicht des jeweiligen Zeitzeugen, wie er gerade schaut, zwinkert oder den Blick traurig auf den Boden gleiten lässt. Ab und zu Bilder zu den damaligen Ereignissen und Orten wie das Tor von Auschwitz-Birkenau. Wenn die Aufzeichnungen eines Zeitzeugen zu Ende sind, holt der Schauspieler seinen Zeitzeugen von hinten vor auf die Bühne. Er oder sie sagen noch einige, meist sehr bewegende, Worte. Interessant zu beobachten fanden wir, dass dabei die Männer sehr aggressiv in der Wortwahl auftraten, die Frauen hingegen viel versöhnlicher und dankbarer klangen. Eine sehr beeindruckende und mitnehmende Werkschau. Und sie hat unsere Polenreise mit den Orten und Eindrücken, die wir dort besucht und erlebt haben, den Teil unserer Reise in diese traurige Geschichte, von der wir jetzt nochmals hören, abgerundet. Passender hätte es nicht sein können.
Unseren Besuch auf dem Zentralfriedhof schieben wir auf unseren letzten Tag in Wien und haben Pech. Just an diesem Samstag findet eine Demonstration statt, die die Linie 71 für einige Stunden lahm legt. Nach langer Wartezeit an der Haltestelle steigen wir in eine andere Tram, in der wir diese Durchsage hören. Naja, wir müssen uns ja etwas für den nächsten Besuch aufheben, Wien gefällt uns sehr, eine pulsierende Stadt, jeden Tag allerlei Sprachen um einen herum, es ist ja auch nicht weit in die Slowakei und nach Ungarn. Und eine gute Buchhandlung, wichtiger Bestandteil unseres Lebens, haben wir auch gefunden und uns fast schon angefreundet mit dem badischen Buchhändler, der diese seit 25 Jahren hier betreibt.
Ein schöner Fahrtag bringt uns über kleine Pässe, an die tausend Meter, zum Ossiacher See. Lange bleiben wir dort allerdings nicht. Zu sehr merken wir, dass die Saison fast zu Ende ist. Kein Lädchen hat mehr geöffnet, die Straßen sind wie ausgestorben, und es ist kühl. Also ziehen wir weiter und steuern den Kalterer See an, das noch wärmere Klima ist herrlich. Und, wie schön, dort besuchen uns Martin’s Tochter Désirée und ihr Freund Andi auf ihrem Heimweg nach einigen Tagen Urlaub am Gardasee. Wir haben einen sehr schönen und lustigen Nachmittag. Obwohl die beiden ja noch nach Stuttgart fahren müssen, halten sie es lange mit uns aus und brechen erst am Abend gegen acht Uhr auf. Sie kommen, wie wir erfahren, erst spät in der Nacht zu Hause an, und am Montag wartet doch bereits wieder die Arbeit auf sie. Das Cassiopeia hat zwar Ruhetag, aber es gibt genug anderes zu tun, vor allem, weil der Laden so richtig gut läuft, was uns sehr, sehr freut.
Wir sind verwöhnt von Polen. In jedem kleinen Dorf gibt es eine Art Konsum, der abends lange aufhat, auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind annehmbar. Hier in Italien sind sie trotz viel touristischerer Gegenden noch nicht so weit. Die Versorgung ist schlechter. Trotzdem ist alles, wie wir wissen, viel teurer. Angefangen beim Internet, das die doch ständig in Kontakt mit jemandem stehen müssenden Italiener sicher auch intensiv nutzen. Auf den Campingplätzen Verlagen sie Unsummen für kurze Zugangszeiten, freie Netze, wie in Polen doch irgendwie immer irgendwo, gibt es deutlich weniger.

Weil wir schon in der Nähe sind, machen wir noch einen Abstecher an den Gardasee und landen zwischen Garda und Bardolino auf einem der wenigen noch geöffneten Plätze. Wir spazieren viel, machen einen schönen Ausflug zum Hausberg oberhalb von Garda, schnabulieren hier und da etwas, vor allem probieren wir den Tipp von Dési und Andi in Garda aus. Und der hat sich gelohnt. In einer kleinen, schmalen Gasse setzen wir uns auf eines der wenigen Bänkchen. Der Wirt fragt, ob wir auf Empfehlung kommen. Das sei wichtig für ihn. Erstens, weil er sich beim Empfehlenden bedanken möchte und zweitens, weil wir dann hoffentlich wissen, wie bei ihm gegessen wird. Wenn wir Pizza oder Spaghetti aglio olio wollen, seien wir bei ihm falsch. Das mag er nicht und hat er nicht. Ob wir die Speisekarte wollen oder uns so ein bisschen unterhalten. Wir wollen natürlich keine Speisekarte und lassen uns Vorspeise und Hauptgang des Tages empfehlen und gehen, wie der Wirt selbst sagt, Risiko. Zu Beginn gibt es ein Glas vom weißen Hauswein, wir sollen sagen, ob wir mit dem oder einem anderen weitermachen wollen. Bei dem bleiben wir, schmeckt prima. Die Vorspeisen sind vom Fisch, einmal Bachsaibling und andere kleine gekochte Fischstücke, gut gewürzt und mit etwas Salat garniert. Die andere Sardinen aus dem Gardasee (eine Nacht in Salz eingelegt) in Olivenöl und Zwiebeln eingelegt. Auch sehr lecker. Dann gibt’s die Pasta, einmal mit Rosinen, Mandeln, Pinienkernen und Stückchen von der Salzwassersardine. Die andere mit Fisch, Kirschtomaten und Petersilie. Total schmackhaft.
Und zum Nachtisch fragen wir nach dem von Dési empfohlenen Mandelkeks in Grappa getränkt. Er grinst, bringt die zerbrochenen Keksstücke und fragt, ob wir eine normale oder seine Portion Grappa darüber gegossen haben möchten. Natürlich seine. Puuuuh, das haut dann aber richtig rein. Ergänzt wird dies dann noch mit dem großen Schluck Grappa, den er in die geleerte Espressotasse zum Ausspülen gießt. Schmeckt aber echt klasse. Und zur Beruhigung hinterher noch einen milden, trotzdem würzigen Kräuterschnaps.
Der Wirt entstammt einer der ältesten Familien Garda’s. Sein Papa war ortsansässiger Fischer, die Mama kommt aus Dänemark. Amüsiert verfolgen wir, wie anderen Gästen die gleiche Geschichte zum Essen in diesem Haus erzählt wird. Nicht alle reagieren so entspannt wie wir und fragen so viel nach, dass sie am besten gleich wieder gehen könnten. Schließlich sind die Australier neben uns aber sehr zufrieden. Die Schweizer hinter uns so lala. Die beiden Töchter ja, die Eltern nicht so sehr. Vielleicht liegt das auch daran, dass der gute Kerl kein Blatt vor den Mund nimmt und mindestens dreimal erzählt, wie schlecht und teuer er in der Schweiz gegessen hat, als er einige Zeit dort war. „Also, ören sie mal, fir gute Ässen tsahle ik gärne gute Preis. Aberr schleckte Ässen und teuer geht nikt.“ So und ähnlich kann er sich gar nicht bremsen, es den Schweizern mehrfach aufs Brot zu schmieren. Naja, etwas oft vielleicht, wir hatten natürlich unseren Spaß.
Unser Platz schließt, wir müssen weiter. Weil’s hier am See gerade noch so schön ist, morgens und abends zwar kühl, aber jeden Tag herrlicher Sonnenschein, fahren wir nur wenige Kilometer bis zur Südspitze und lassen uns bis auf weiteres in Peschiera nieder.
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