Marokko’s Wüsten und Berge

Wieder empfängt uns die karge und schöne Wüstenlandschaft. Einen Teil der Strecke müssen wir dann doch erheblich langsamer fahren, die Straße ist mit Schlaglöchern nur so gepflastert. Zum Mittagsbrot suchen wir uns ein Halteplätzchen gut 500 m vor dem nächsten Dorf. Aber kaum sind wir ausgestiegen, recken und strecken die Glieder und blinzeln in die Sonne, kommt schon ein Junge mit seinem Radl daher und möchte Geld oder Kuli oder Luftpumpe oder oder oder. Unser Kulivorrat geht verdächtig zur Neige, wir können nicht immer etwas verteilen. Geld geben wir nicht. Er hält zwar Abstand, ist aber recht hartnäckig. Und schon erspähen wir, das vom Dorf nun eine ganze Meute Kinder mit wildem Geschrei auf uns zugerannt kommt. Ok, wir verkürzen unsere Pause, dieser Schar werden wir kaum Herr, dann ist das Auto leer. Einige rennen sogar noch dem fahrenden Trolli hinterher. Diese Situationen sind nicht immer ganz einfach. Allerdings muss man bei einer zu großen ‚Meute‘ auch aufpassen. Gerecht kann es dann kaum mehr zugehen und allzu viel haben wir nicht zu verteilen.Vom letzten Stück nach Zagora wissen wir nicht, ob es fertig ist. Die offizielle Route macht einen Schlenker. Wir fahren jedoch die Abkürzung. Im nächsten großen Ort wird uns abgewunken. Trotzdem fahren wir weiter. Es soll eine Piste, aber keine richtige 4×4-Strecke sein. 
Nach dem letzten schönen Teer dann tatsächlich das Ende. Nach Zagora sind es nun noch gut 60 km, wollen wir das wirklich hier fahren? Mit langsamen 20-30 km/h locken wir Trolli auf die ruckelnde Piste, die schon viel Wellblech bereit hält. Die Landschaft ist einmalig schön und einsam, das Nachmittagslicht tut wie immer das Seine dazu. Wir fahren weiter, Trolli und wir gewöhnen uns an das teils doch heftige Rütteln, mit dann 50 km/h fährt sich Wellblech besser, zu langsam rüttelt viel mehr.

Wir halten einige Male für Bilder, hier geht das noch ungestörter als sonst und überstehen die Fahrt gut. Nach 50 km erreichen wir wieder Teer, Fahrzeug und Gehör sind erfreut und erstaunt, der Campingplatz ist nah, juhu.Am besten gefällt uns in Zagora der sonntägliche Besuch auf dem Souk, dem Markt. Hier kommen die Händler aus den kleinen Dörfern und aus der Wüste zusammen. Gewürze, Getreide, Gemüse, Kleidung, Fossilien, Schmuck, Handwerkszeug, Körperpflegemittel, Tee, Grillstände, Nüsse, ach, wir können gar nicht alles aufzählen. Zu Fuß und mit dem Moped sind die Einheimischen in diesem engen Gewühl unterwegs. Kleine Jungs versuchen, Einkaufstüten an den Mann zu bringen. Auf einem Hänger wird eine Ziege durch den Markt gezogen. Auge, Ohr und Nase werden gar nicht satt. Am Obststand werden wir auf deutsch angesprochen. Mit unendlichem Geplapper, dies allerdings fast akzentfrei, schleppt uns der Künstler zu seinem Schmuckstand, wo wir gemeinsam Tee trinken. Er spricht so gut deutsch, dass er sogar erkennt, dass wir aus dem Süden Deutschlands kommen. Alle Achtung. Und ‚leider‘ gefällt Martin nun wieder etwas, das  heißt, schnell gehen oder handeln. Was ja unser Ding nicht ist. Wieder geht es hin und her, wir wissen, dass wir ohnehin zu viel bezahlen. Letztlich müssen wir aber entscheiden, ob die Kette uns das wert ist. Ups, wir haben aber gar nicht genug Geld dabei, weil wir nur Obst und Gemüse einkaufen wollten. Wir holen Geld, der Händler besteht darauf, dass wir das gute Stück bereits mitnehmen, er vertraut darauf, dass wir mit dem Geld wieder kommen.Von Zagora geht es weiter, fast 100 Kilometer im Tal des Dra. Auf der rechten Seite ein Palmenhain am anderen und links Steinwüste unterbrochen von kleinen Ortschaften. Uns gefällt die heutige kurze Tour sehr. Von am Straßenrand stehenden Händlern werden wir durch Rufen und Zeichen immer wieder aufgefordert, zu halten und Datteln zu kaufen. Bis am Ende des Tages könnten wir unseren Trolli mit Datteln zubauen. Wir erreichen unser Ziel Agdz ohne Einkauf. Der Ort ist nicht besonders groß, und unser Campingplatz ist drei Kilomenter vom „Zentrum“ entfernt.Hier stehen wir unter Palmen, die Sonne scheint, es ist ruhig und erholsam. Auch bei unseren Einkaufsspaziergängen in die stadt werden wir freundlich gegrüßt, sonst nicht behelligt. Außer von einem Mädchen, das schön aussieht und heißt wie ihre Heimat, Africa. Aber leider haben wir nichts in ihrer Größe.An unserem letzten Tag besichtigen wir die Kasbah Asslim der Familie Ait El Kaid. Der Großvater Si Ali des heutigen Besitzers war der letzte Kaid. Ein Kaid war der Repräsentant des Königs für eine bestimmte Region und übte die lokale Regierungsgewalt aus.Die Frau des jüngsten Sohnes der Familie, eine Französin, die seit 13 Jahren im Land lebt, spricht super deutsch und wir lernen viel. Zuerst geht es durch den Garten rund um die Stellplätze des Campinplatzes. Der Platz liegt innerhalb der Mauer, die um die Kasbah und die Oase der Familie herum gebaut ist. Eine Mauer, die aus den traditionellen Lehmziegeln errichtet ist. Wir kommen an einer männlichen Palme vorbei, die wegen der Trockenheit und Wärme diesen Winter schon jetzt blüht. Die eigentliche Blütezeit der männlichen Palme ist hier im April. Die Blütendolde wird getrocknet und so verwahrt, dass die Pollen nicht verloren gehen. Während der Blütezeit der weiblichen Palmen wird zum ersten Mal auf diese geklettert und die männliche Dolde oben angebracht, den Rest besorgen Bienen. Zum zweiten Mal muss auf die Palme geklettert werden, wenn die Datteln reif sind. Mei, da muss man ganz schön schwindelfrei sein.

Wir erfahren noch, dass es auch bei Datteln verschiedene Sorten gibt, dass sie bis zu zwei Jahren gelagert werden können und welche besonders süß sind. Zur Lagerung werden die Datteln übrigens in Fäßer gepresst, damit keine Luft zwischen ihnen ist. Natürlich muss das Fass noch luftdicht verschlossen werden. Nicht die trockenen Datteln sind die guten, sondern die klebrigen, das sind die guten süßen.Wir kommen an jungen Palmen vorbei und sind sehr überrascht: für 30 cm oberirdisch braucht dieses Gewächs 15 Jahre. Es dauert lange, bis die junge Pflanze in der Tiefe Wasser findet, dafür benötigt sie ihre ganze Kraft. Erst dann geht’s in die Höhe. Und noch etwas, Palmen werden alt, die hier sind mindestens 150 Jahre alt. An ihren Füßen wachsen die Nachkommen, sie holen sich das Wasser über die tiefen Wurzeln der Mutterpalme. Zu guter letzt: Palmen sind keine Bäume, sie gehören zu den Farnen. Unter den Palmen werden Klee, Kräuter und Gemüse angebaut. Im Sommer werden die Beete einmal pro Woche unter Wasser gesetzt, jetzt im Winter alle zwei Wochen. Es gibt zwei Fruchtfolgen im Jahr. Ohne die Palmen könnten diese Pflanzen nicht überleben, sie bekommen auch Wasser durch die in tiefem Grundwasser stehenden Palmen. In diesen Oasen zwischen Wüste aus Stein und Sand können Pflanzen, Tiere und Menschen nur gemeinsam überleben.

Nach vielen weiteren Informationen betreten wir die Kasbah. Der große Innenhof besteht nur noch aus einem Lehmboden, einem halb verfallenen Brunnen und ringsherum Arkaden. Er war einmal ein Riad (Obstgarten), von den ehemals 32 Obstbäumen steht heute keiner mehr. Sie sind Opfer der immer wieder lang anhaltenden Trockenheit in den letzten Jahrzehnten geworden. Bei Veranstaltungen, wir sehen davon ein Bild, sieht dieser öde Platz ganz anders aus. Er wird mit Teppichen und Kissen ausgelegt. Seit 20 Jahren wird an der Renovierung der Kasbah gearbeitet. Ein deutscher Professor hat sich mit seinen Studenten in den letzten Jahren dieser Aufgabe angenommen. Die Studenten lernen den Lehmbau und haben dafür Kost und Logie frei für die Renovierungsarbeiten. So haben beide Seiten, die Studenten und die Eigetümer der Kasbah, etwas von diesem Wissensaustausch. Wir haben auf unserer Fahrt durch das Land gesehen, dass vermehrt mit Betonsteinen gebaut wird. Unsere Führerin erklärt uns den Grund, diese Bauweise gilt als modern und pflegeleichter. Die klimatischen Vorzüge des traditionellen Lehmbaues werden außer Acht gelassen. Im Winter hält der Lehm die Temperatur fast unverändert, und im Sommer wird es nicht so heiß wie vor der Tür.Wir können die Spuren eines Erdbebens und den Zahn der Zeit an der Kasbah noch erkennen, sehen aber auch die wieder hergestellten Arkadenbögen, die sich nicht ganz nahtlos an die damals nicht beschädigten Arkaden anschließen. Auch der seit Jahrzehnten sinkende Grundwasserspiegel nagt an dem wunderschönen Gebäude. Wir wollen hier nicht alles beschreiben, was wir gelernt und gesehen haben, deshalb nur noch wenige Bemerkungen. Die Gitter vor den Fenstern dienen in erster Linie nicht dem Schutz vor bösen Buben. Sie brechen das grelle Licht von außen, so dass es im Innern der Räume ein angenehmes, gedämpftes Licht gibt. Bei den fensterartigen Einlässen an den Balkonballustraden geht es um etwas anderes, hier soll das Gitter die Frauen, die auf den Riad schauen, vor den Blicken der Männer schützen. Die Kasbah wurde auf einem Hügel gebaut, wie auch unsere Burgen, damit von hier aus der Besitz überschaut werden kann: kommen Gäste oder noch wichtiger, nähert sich ein Feind, der an die Vorräte will. Weil der Besitz der Familie so groß war, hat sie mehrere dieser Wehrburgen besessen. Naturbedingt, rechts und links vom Flusslauf gibt es Wasser, waren solche Güter schmal, aber lang. An der Wüste neben der Oase hatte niemand Interesse. Wir sehen das schöne Amtszimmer des Kaid, das einzige Zimmer mit echten Fliesen, nicht nur bemalten Wänden. Es sollte den Bittsteller und Besucher so beeindrucken, dass er möglichst kleinlaut wieder abzog oder zumindest sein Anliegen in Demut vorbrachte. Weiters ein Trockenklo, das nach „getaner Arbeit“ mit Asche bestreut wird und somit nicht muffelt. Außerdem den Raum, der Küche war und heute der Eingang ist. Er lag so, das die Frauengemächer und der Brunnen in der Nähe waren. Hier hatte kein Mann Zutritt. Anschließend waren dann die Räume für die Männer. Es gab Räume für die Besucher, auch getrennt nach Männlein und Weiblein. Immer waren die Türen bzw. Durchgänge so angebracht, dass man geraden Blicks nicht in andere Bereiche, nämlich die der Männer oder Frauen oder Besucher, schauen konnte. Besucher wurden traditionell für drei Tage aufgenommen. Deshalb waren auch die Stallungen für das Vieh, Ziegen, Schafe und anderes Kleinvieh in der Nähe der Küche. Ein Schaf musste für die drei Tage schon sein. Die Tiere waren übrigens, ganz anders als bei uns, im ersten Stock untergebracht. Sie waren leicht genug, ihre Ausscheidungen trocken und der Geruch zog mit der Wärme nach oben ab.„Am ersten Tag ruht sich der Gast von der beschwerlichen Reise aus. Am zweiten und dritten Tag gibt es zu seinen Ehren ein Fest und er erzählt, woher er kommt, wohin es geht und wer er ist. Nach dem dritten Tag sollte man gehen weil man sonst lästig und zu teuer wird.“Von der oberen Terrasse haben wir zum Abschluss unserer Führung noch einen herrlichen Rundblick in der Nachmittagssonne. 

Natürlich gibt es dann noch den obligatorischen Tee, und nach dem zweiten Glas geht es zurück in unser Womo. Auch beim Tee gibt es die Regel, spätestens nach dem dritten Glas verab-schiedet sich der Gast.Unsere Weiterreise führt uns über Ouarzazate, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Auch hier eine schöne Kasbah, ansonsten ein recht gepflegtes Straßenbild. Ouarzazate putzt sich heraus, baut viel und möchte eine anständige Stadt sein. Auch wenn es hier nicht so weit draußen und ‚wüstig‘ ist, gefällt uns der Ort sehr. Beim in die Stadt schlendern spielt Claudi mal wieder mit den Jungs den Fußball hin und her. Davon sind sie immer ganz begeistert und würden sie gerne da behalten zum Spielen. Selbst die Mädchen und Frauen in der Umgebung finden das toll und tuscheln ‚msjen‘, das heißt ‚gut‘.Unser nächstes Ziel ist Marrakesch, dafür müssen wir über den Hohen Atlas. Ausgerechnet jetzt wird das Wetter regnerischer, sowohl dies- als auch jenseits des Atlas. Wenn es hier und dort regnet, fällt auf dem Atlas Schnee. Also planen für die den nächsten Tag die Abreise. Wir verzichten auf das Frühstück, eine Tasse Kaffee muss reichen, und so kommen wir bereits um halb acht los. Aus der Ferne erblicken wir bereits die schneebedeckten Gipfel der Viertausender. Hach, eine herrliche Fahrt entlang der Bergdörfer auf recht guter Straße führt uns die Berge hinan. Es nieselt, aber es ist noch warm genug, die Schneeschranken sind geöffnet, und wir passieren den Atlas ohne Probleme. Der heute wolkenverhangene Gipfel des Passes Tiz’n Tichka liegt auf 2.200 m. Die Abfahrt auf der Nordseite ist steiler und kurviger, es geht an Abgründen entlang, aber auf gut befahrbarer Strecke. Natürlich kommt oft in der engen Kurve ein Fahrzeug entgegen, das kennt man ja vom Pässe befahren. Uns empfängt die durch das feuchtere Atlantikklima und für unsere an sandigen Staub gewöhnten Augen viel grünere Landschaft. Wie schön muss das erst sein, wenn der Oleander, der hier reichlich wächst, blüht!
Im leichten Nieselregen legen wir den Rest zu unserem Campingplatz 10 km nördlich von Marrakesch zurück. Auf dem Weg dorthin, also um Marrakesch herum, sehen wir immer mehr gehisste marokkanische Flaggen, bis schließlich auch sehr viel Polizei die Straßen säumt. Das ist ein eindeutiges Zeichen, der König muss da sein oder hier vorbeikommen. Hektisch sprechen Beamte in Funkgeräte, alle 20 m steht ein Polizist am Straßenrand und beobachtet die Umgebung. Schließlich verlassen wir die Königsroute und finden unseren Platz. Hier werden wir zwei Tage sein, bevor mit uns mit unserem Besuch – ja, Ihr hört richtig, wir bekommen wieder Besuch! – in Marrakesch treffen. Martin’s Bruder Frank und Freundin Gisela machen einen Kurzausflug nach Marokko. Entstanden aus einem Weihnachtstelefonat, bei dem wir meinten, sie könnten uns doch besuchen, so gegen Ende Januar könnten wir in Marrakesch sein. Frank und Gisela kennen da nichts, gesagt, getan. Drei Tage später erhielten wir die Mail mit der Ankündigung des gebuchten Fluges. Wie cool! Und nun ist es soweit. Einzig Trolli ist natürlich wieder ein bisschen traurig, dass er hier eine Woche alleine stehen muss, das zudem noch ganz dreckig, vor allem am Po. Aber wir werden uns revanchieren, jetzt heißt es erst einmal aus der Einsamkeit der Wüsten ab in den Trubel der Stadt. Bis bald und zum Überbrücken hier wieder einige Reisebilder.

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