Marokko’s Orient

Kurz bevor wir losfahren, sieht Martin drei Fahrzeuge vorbeifahren, die unsere Nachbarn aus Saidia gewesen sein könnten. Wir werden sie kaum einholen, die fahren etwas zügiger als wir. Auf halbem Weg nach Figuig, unserem Ziel, treffen wir sie dann zufälligerweise in Bouarfa. Wir sehen uns an einem großen Kreisverkehr in der Stadt und parken bei den Cafés. Sie waren bereits gestern in Figuig, finden es dort doof und öde, Siggi ist es außerdem zu kalt hier im Osten. Also haben sie kehrt gemacht und streben Richtung Mitte bzw. Atlantikküste. Wir wollen trotzdem dorthin, schon auch, um den Abstecher nach Ich(e) zu machen, einem Ort direkt an der algerischen Grenze, den nicht einmal alle Marokkaner kennen. Zuerst trinken wir aber noch gemeinsam einen Espresso. Bouarfa ist recht gepflegt, man sieht die Investitionen der Emirate, die u.a. Wohnungen für Arme errichtet haben. Es gibt wohl verwandtschaftliche Beziehungen zum marokkanischen Königshaus.

30 km hinter Bourfa kommt dann die Abzweigung nach Ich, eine einspurige Teerstraße, die aber rechts und links genug Schotter hat für Ausweich- und Überholmanöver. Uns begleitet die karge Steinwüste, hier und da ein Nomade mit seiner Schafherde, immer freundlich winkend. Kein Fahrzeug weit und breit, erst nach vielen Kilometern werden wir überholt. Die Landschaft wird abwechslungsreicher. Rechts und links der Strecke viele Hügel und kleine Bergrücken. Dazwischen auch Wüstensand. Dann sehen wir in der Ferne auf der Straße ein Fahrzeug stehen, eine Person auf der Straße. Wir drosseln unser Tempo, Polizeikontrolle? Als wir uns nähern, erkennen wir das Fahrzeug, das uns überholt hat. Es ist Gebetszeit. Der Fahrer ist ausgestiegen und verneigt sich mehrfach gen Mekka. Wir warten ab, lassen ihn das kurze Straßengebet beenden und weiterfahren, weil er uns ja gleich wieder überholen würde. Er bedankt sich und setzt seine Fahrt fort. Hinter dem nächsten Bergrücken tut sich eine kleine Oleanderoase auf, sogar Kühe stehen hier. Dann einige Esel, die in der kargen Steppe nach Futter suchen. Die Fahrt durch diese Einöde ist einmalig, wir sind froh, dass wir bei unserer Route geblieben sind.
Nach gut 60 km erreichen wir die Oase Ich, die nur aus ein paar Lehmhäusern, der Schule, der Moschee und dem Militärposten besteht. Beim kurzen Spaziergang durch die Lehmgassen begrüßen uns die Kinder mit Handschlag und schauen neugierig, was wir tun. Die Erwachsenen, die uns begegnen oder vor ihren Häusern sitzen, grüßen freundlich und heißen uns willkommen. Bei der Abfahrt werden wir dann doch von einem Mädchen nach Bonbons gefragt, immerhin nicht nach Geld, was sonst in den touristischen Gegenden nicht unüblich ist. Zum Glück haben wir welche griffbereit. Kleines Bonbon, große Freude.
Auch zurück können wir die Strecke nochmals genießen, die Perspektive hat sich geändert, und das Nachmittagslicht verleiht der Landschaft nunmehr mildere Farben.
Nun ab den Rest nach Figuig.

Auch hier ist die Strecke bestens zu befahren, alles ist geteert, teilweise nagelneu, was auch nötig war, weil ein Teil der Strecke, die am Oued (Fluß) langführte, unterspült wurde. Das letzte Stück vor Figuig führt uns zwischen zwei schönen Bergrücken durch, herrlich. Dann kurz vor dem Ort die übliche Kontrolle. Wir geben unser selbst geschriebenes fiche ab und können schnell weiter. Am Ortseingang wartet dann aber erneut eine Kontrolle auf uns. Wir fragen, warum zweimal. Jaja, das da vorne ist die Gendarmerie Royale, wir hier örtliche Polizei. Aha. Da könnte man im übrigen, auch wenn man wollte, nicht vorbeirauschen, man muss der mit Hütchen markierten Furt entlang, daneben Nagelbänder auf dem Boden! Hier nun nur noch ein kurzer Blick in unsere Pässe, Frage nach dem Ziel und fertig. So sind wir nach wenigen Minuten Ortsdurchfahrt auf dem Campingplatz angelangt. Ein kleiner Platz mit Hotel, schön ummauert und mit Palmen bepflanzt. Von der Terrasse können wir in die Berge, nach Algerien und über die schöne Oase bzw. den Ksar Zanaga schauen. Wir richten uns ein. Seit wir etwas weiter südlich sind, ist uns auch die Sonne wieder hold. Was wollen wir mehr, blauer Himmel, Sonne, Abgeschiedenheit und Ruhe. Das erste Abendessen gibt’s in einem Imbiss, die Verständigung ist mäßig, hier sprechen lange nicht alle französisch. Zudem kommt hier eher kein Tourist her. Das erkennen wir daran, wie man uns anschaut und angrinst. Wir bekommen auch eine Abwandlung des bestellten Essens, aber es schmeckt und tut’s für uns. Der nächste Tag ist Silvester, das es hier gar nicht gibt. Wir essen mit Matthias und Veronika, unsere Nachbarn auf dem Platz, im Hotelrestaurant zu Abend, dick in unsere Jacken gepackt, es ist kalt, auch drinnen. Das Essen reist uns nicht vom Hocker, aber hier findet ohnehin keine Fete statt, der Bauch ist gefüllt, und für uns ist es ein Abend wie jeder andere, vielmehr ist er noch ruhiger als andere hier am Ende der Welt. Wir vermissen das verrückte Knallen und Schießen aus Europa nicht. Unauffällig gleiten wir nach 2014 hinüber.
Auf dem Platz verdingt sich ein Touristenführer, das wissen wir auch aus unserem Reisehandbuch. Zusammen mit Matthias und Veronika verabreden wir eine Tour durch die Oase und den ältesten Ksar (Stadtteil/Dorf) des Ortes mit Mohammed. Wir bekommen viel erklärt, wie die Befruchtung der Palmen, das Bewässerungssystem der Gärten, sehen den unterirdisch gebauten Teil des Dorfes, Wohnungen der Bewohner, Frauen am Webstuhl, die eine oder andere Herberge. Wie die einer Französin, die mit ihrem marokkanischen Mann das Haus der Schwiegermutter toll hergerichtet hat. Sie sucht für Januar und Februar jemanden, der die Herberge beaufsichtigt, damit sie in die Heimat kann. Vor Ort findet sie niemanden, auf den sie sich nach ihren Ansprüchen verlassen kann. Hm, mit der müsste man ja fast einen Takt sprechen…
Schließlich besuchen wir noch ein Männerbad, das aus einer der vielen Quellen hier in der Gegend gespeist wird. Da dort nur marokkanische Touristen und keine einheimischen Männer baden, dürfen auch wir Frauen einen Blick in’s Becken werfen und die Hand im Becken fühlt ein angenehm temperiertes Badewasser.
Abends sind wir zu Mohammed nach Hause eingeladen. Er lebt mit den Eltern, Schwester und Bruder sehr einfach. Matthias möchte sich im Wohn- und Fernsehzimmer auf die Kissen samt Decke setzen, fragt sich aber – mehr im Spaß – ob dort jemand drunter liegt und tatsächlich. Gerade als er sich setzt, bewegt sich das Bündel und der schlafende Vater taucht unter den Decken auf. Hoppla, das wäre fast schief gegangen. Nachdem wir die Schuhe ausgezogen haben, reihen wir uns auf dem Boden um den Tisch. Mama macht  Tee, in der Küche brutzelt die Tadjine.

Trotz der Sprachschwierigkeiten mit der Mutter können wir uns unterhalten und verständigen. Wir haben einen schönen Abend bei Mohammed, wenn auch gewöhnungsbedürftig, da die Felle, die auch als Sitzunterlage dienen, schon irgendwie arg nach Vieh riechen… Mohammed begleitet uns den ganzen Weg zurück zum Camping. Am nächsten Tag stehen ein alter Wehrturm und ein kaum mehr genutztes Hammam in 30 Meter Tiefe zur Besichtigung an. Die vielen Treppen hinunter in die immer wärmer und feuchter werdende Luft sind nur mit Taschenlampe zu bewältigen. Das muss toll sein, hier im warmen Wasser unterirdisch zu baden. Wir sind die Tage genug gelaufen, zu mehr haben wir keine Lust mehr, auch nicht zum Ausflug ins Nomadenzelt. Die vielen Eindrücke reichen erst mal und wollen verarbeitet sein. Auch die Musik des Cousins am Abend auf dem Camping schlagen wir aus. Wir müssen nicht alles gemacht haben und an jeden vermarktet werden. Ein Nein reicht aber auch, Mohammed belässt es dann dabei. Ansonsten ist er sehr nett, versteht aber hier und da etwas falsch. So wie unser Gespräch darüber, irgendwann mal so eine Aubergeaufsicht wie bei der Französin machen zu wollen, wenn man Land und Leute besser kennt und es rein passt. Für ihn hieß das, wir lassen uns hier nieder und Claudi macht den Deutschlehrer und Reiseführer für Deutsche und Spanier. Er ruft sogar seinen jetzigen Deutschlehrer in Oujda an und erzählt ihm irgendwelche Geschichten. Als Claudi diesen dann an der Strippe hat und er entsprechende Fragen los wird, stellt sie das Gesagte etwas klar. Nach zwei Wochen im Land wäre das vielleicht doch ein wenig früh, solch eine Entscheidung zu treffen. Mohammed ist dann ganz enttäuscht und wirbt nochmals. Nun mal langsam mit den jungen Pferden, wir haben ja erst noch so viel anderes zu sehen….
So ist er auch ganz enttäuscht und traurig, als wir abreisen. Man hat ihm dann auch angemerkt, dass er frauenlos ist, nein, er war nicht zudringlich, aber sehr ‚anhänglich‘. Und zum Abschied bekommen wir mit den Grüßen der Mama noch einen marokkanischen Brotkorb geschenkt. Wie lieb! Es war sehr sehr schön in Figuig, dem noch nicht erschlossenen Osten Marokko’s. Wir konnten ständig vollkommen unbehelligt in die Stadt. Von Kindern und Erwachsenen immer ein Guten Tag und/oder Herzlich willkommen. Und auch hier gibt es alles, was man braucht. Obst, Kekse, gutes frisches Brot, Waschmittel, USB-Kabel (das wir benötigen) und und und…
Wir werden geradezu ignoriert, niemand, aber auch niemand will etwas von uns. Außer in dem Laden, in dem wir unsere fiche zusammenkopieren wollen. Dort treffen wir Mohammed. Sein Freund bequatscht uns ohne Punkt und Komma, obwohl er weiß, dass Mohammed unser Guide ist, wenn wir hier etwas unternehmen. Er will unbedingt irgendein Geschäft mit uns machen. Ansonsten wirklich alles sehr angenehm, man fühlt sich nicht als ‚Opfer‘. Hier hat der Tourismus noch nicht Einzug gehalten. Hoffentlich entwickelt er sich vorsichtig weiter.
Von Figuig könnte man auch Piste fahren, die ist aber laut Schilderungen zu steinig. Das wollen wir Trolli und uns nicht zumuten. Also fahren wir normale Straße Richtung Merzouga, zu den Dünen, vielmehr der bekanntesten Düne Marokko’s, zum Erg Chebbi. Unterwegs wieder eine schnelle und harmlose Kontrolle mit freundlichen Wünschen. Allerdings fragt einer der Polizisten bei Martin an der Beifahrertür vorsichtig nach einem Kugelschreiber mit schwarzer Mine. Der Kollege soll es nicht mitbekommen, scheint uns.  Wir finden auf die Schnelle einen Vetriebssupport Kuli des großen Adlers. Er erkennt das Logo, entgegnet uns dankend und grinsend Allianz Arena, good und zieht ab. Die hat sich doch auch bis hier an den Rand der Wüste herumgesprochen. Nun ja, sicher auch, weil Bayern doch irgendwann in letzter Zeit gegen Casablanca spielte.
Eine Nacht machen wir noch Halt in Meski, im Sommer ein toller Schattenplatz in der Oase am Oued, jetzt aber für einen längeren Aufenthalt zu kühl. Zudem werden wir von dem jungen Mann etwas zugeraucht und wortschwallend auf deutsch empfangen. Der obligatorische Empfangstee findet beim ‚Bruder‘ in dessen kleinem Laden statt. Natürlich wird der Tee mit einem Verkaufsgespräch verbunden. Und prompt gefällt Martin das schöne blaue Berbertuch. Wir diskutieren ein Weilchen, einigen uns darauf, am nächsten Morgen auszurangierende T-Shirts in die Verhandlung mit einzubeziehen, gehen dann noch spazieren und in die Falle. Das ‚Gespräch‘ findet dann nur zwischen Claudi und Abdoul statt, der auch ständig seine deutschen Wortschwalle ohne Punkt und Komma von sich gibt. WeißtDuistnichtnurGeschäftistimmerauchvonHerzenmachtwennmanschautMensch inAugewillmitgebenwasvonHerzenichtnurmachenGeschäftwollenFreudemachen mitGeschäftsonstnixgut….. usw. usw. puuuhhh. Ob das Geschäft nun gut oder schlecht war, können wir nicht beurteilen, dazu fehlt uns die Erfahrung. Abdoul meint gegen Ende, mit Claudi könne man keine guten Geschäfte machen – mitdirnitgutgeschäftmachenabermeinherztrotzdemmitdir – .
Das nehmen wir jetzt mal als ‚Kompliment‘ mit. Nicht mitnehmen tun wir den zu innigen Drücker und den ganzen anderen Kram, der da noch, auch wenn gut gemeint, abgesondert wurde. Beim offiziellen Abschied auch von Martin ist’s dann nämlich nur ein Handschlag. Man muss also nicht nur als blonde Frau aufpassen….

Unterwegs kreuzen die ersten Dromedare die Straße, Herden tummeln sich abseits der Route.
Im letzten Ort vor Merzouga, in Rissani, ist gerade die Schule aus. Vor lauter Radlern kommen wir kaum durch. Wieder fahren alle kreuz und quer, mitten auf der Straße, zack aus der Seitenstraße rein, ohne zu schauen. Schon gewohnt tuckern wir mit ca. 15 km/h durch den Ort. In Merzouga dann gefällt uns der angepeilte Platz nicht, der Hof sieht ungemütlich aus. Man muss dazu sagen, dass das hier keine gewöhnlichen Campingplätze sind. Hier unten Richtung Wüste gibt es inzwischen viele Herbergen (vor 20 Jahren waren es nur drei), die sehr oft einen Platz für Camper samt Toiletten-/Duschblock bereit stellen. Also fahren wir weiter zur nächsten Option, aber nicht auf der normalen Zufahrtsstraße, sondern hinten durch, also durch die engen Lehmgassen des Dorfes. An jeder Ecke müssen wir schauen, dass wir nicht hängen bleiben. Dann sind wir durch, aber vor uns ein enger, sandiger, huppeliger Weg, bei dessen Anblick Claudi in Panik verfällt. Die Erinnerung aus Namibia und dem dortigen Einfahren im Sand steigt hoch. Klar ist das hier nicht so tief sandig, aber dafür haben wir auch ein viel schwereres Fahrzeug. Claudi, die Kuh, schaltet auch noch in den zweiten Gang hoch, statt im ersten durchzubrettern, und schon gurgelt Trolli nur noch und wird bedrohlich langsam, wie wenn er sich fest fährt. Also zackzack in den ersten und gut Gas geben, nicht zu wild, und klar, er fährt artig sofort weiter und wir sind durch. Heidenei, das ist nix für Claudi’s Nerven. Die Vorstellung, mit dem Gefährt steckenzubleiben, lähmt. So schlimm wäre es ja nicht, hier sind sofort tausend Helferlein zur Stelle, also nicht einsam im Nirgendwo. Das müssen wir noch üben!
Im Petit Prince werden wir sehr herzlich willkommen. Hassan ist regelrecht schüchtern. Wir stehen schön im Hof mit Blick auf die Terrasse, abends sind einige Lämpchen an, über uns der klare Sternenhimmel. Hinter dem Hof warten die Dromedare auf Ausrittwillige, der Blick geht unter den Palmen direkt in die Dünen, herrlich. Etwas schade, ganz anders als in Namibia, ist allerdings, dass hier die Quads wie die Deppen durch die Dünen rasen und die Landschaft zerstören. Man sieht weithin die hässlichen Fahrspuren, aber diese Form des Tourismus bringt gutes und schnelles Geld.
Trotzdem verbringen wir hier einige, ganz ruhige Tage. Hassan behelligt uns überhaupt nicht. Wir müssen sogar fragen, ob wir hier essen können, was sich als fabelhafte Idee herausstellt. Die nur von Männern betriebene Küche ist richtig gut. Ob Brochettes, Tadjine oder eine Art Gulasch, wunderbar, gut gewürzt, gut gekocht, besser bekommen wir es sicher in keinem der Restaurants. Zuvor gibt es immer ein gutes, wärmendes Süppchen und zum Nachtisch Obst. Äpfel, Bananen und Mandarinen. Und wenn wir mögen, vorher oder nachher auch noch gerne Tee. Claudi trinkt neuerdings Tee. Das ist revolutionär. Zu Hause gab es nie Tee, das war’s einfach nicht für sie. Hier ist er immer frisch und direkt aus irgendwelchen Kräutern gemacht. Zu Anfang war es noch gewöhnungsbedürftig. Aber abschlagen kann man es nicht immer und nun ist es schon normal und Claudi beleidigt, wenn sie keinen Tee angeboten bekommt. Ähnlich mit dem Obst. Eine Frucht pro Woche war viel. Inzwischen gibt es bereits zum Frühstück Obst, mittags meist Mandarinen. Martin wundert sich von Tag zu Tag mehr, freut sich aber und schält deshalb auch gerne im Auto die Mandarinen, um die Fahrerin zu stärken. Bereits in den drei Wochen, die wir hier sind, ist so das 10-Jahrespensum aufgefüllt.
Bei einem der gemeinsamen Tees (da lernen wir auch, warum die Teekanne ganz hochgehoben wird, so dass ein dünner Strahl entsteht, der eine Schaumkrone erzeugt: das ist der Bart der Berber) reden wir mit Hassan u.a. über den Moscheebesuch. Einmal am Tag wenigstens sollte man dem Ruf des Muezzin folgen und das Gebet in der Moschee verrichten. Und freitags ist der Besuch des Mittagsgebets ein Muss. Es wird, so Hassan, vermerkt, wenn man fehlt. Ganz schlecht ist ein zweimaliges Fehlen freitags hintereinander. Aber so wie er dazu lächelt, scheint er es entweder nicht so ernst zu nehmen oder es einfach entspannt hinzunehmen. Am darauffolgenden Freitag können wir jedenfalls nicht feststellen, dass die hier arbeitenden oder sich aufhaltenden Männer beim Ruf auch in die Moschee gehen…
Sehr erstaunt sind wir über die Geschichte des französischen Touristen, der mit seinem Camper ankam, ausstieg und fragte, ob man hier den Muezzin höre. Ja, antwortete Hassan, weil es so ist. Und weil es ja hier überall so ist. Stadt, Dorf, Ksar, immer 1-20 Moscheen in Sichtweite, also hört man den Gebetsruf natürlich. Nun ja, die Frage war – so finden wir – schon reichlich doof. Aber noch besser die Reaktion. Der Franzose stieg wieder ein und fuhr fort. Hassan hat es mit Humor genommen, wir sind fasziniert und hoffen, dass der Kerl am besten in seinen eigenen vier Wänden bleibt…
Uns gefällt der Ruf des Muezzin, es gibt mehr und weniger schöne, der letzte ähnelte leider einem Stadionsprecher nach erfolgreichem Torschuss mit unangenehm lautem Ziehen der Vokale. Aber grundsätzlich mögen wir das. Wir hören es oft schon gar nicht mehr, weil es dazu gehört wie das tägliche Aufstehen oder Zubettgehen.
Jeden Tag kommen hier in Merzouga Touristen an, die meist eine Rundfahrt gebucht haben, zu der ein Ausritt mit Dromedar gehört, oft auch verbunden mit einer Nacht in einer Art Biwak (so nennen sie es hier) in der Wüste. Wenn sie von ihrem Nachtausflug zurückkehren, wartet das Frühstück auf sie. Wir hören dann immer die Dromedare meckern und wiehern (machen die wohl immer beim Auf- und Absteigen) und Gläser- und Tassenklappern, dann wissen wir, es ist auch für uns mal Zeit zum Aufstehen. Auch uns bietet Hassan Kaffee vom Frühstücksbuffet an, wir sind gut umsorgt!

Nach drei Tagen ringen wir uns zu Martin’s Geburtstag zu einem nachmittäglichen Dromedarausflug durch. Einzig beim Aufstehen des Dromedars muss man sich bissel fester halten, weil man sonst vorne oder hinten überkippt. An das Gewackel gewöhnen wir uns schnell. Die Viecher laufen langsam von Ali gehalten ihren Weg. Ärger macht zwischendurch nur Martin’s freches Dromedar, das Claudi’s nettes Dromedar in den Po zwickt. Das gefällt dem netten Dromedar gar nicht und es hoppelt auf einmal bergab etwas los. Das ruckelt dann doch mehr und Claudi muss sich sehr gut festhalten. Nach einigem Geschimpfe bindet  Ali die zwei Dromedare kurzerhand um, so dass der Zwicker nun vorne laufen muss. So können wir in Ruhe weiter wackeln. Leider ist der Himmel bewölkt und wir haben nicht das schöne Licht des Sonnenuntergangs. Trotzdem ist unser Ausflug schön, wir machen Halt am Übernachtungslager und klettern eine Düne hoch. Das Lager besteht aus drei Zelten, die aus Gestänge mit übergehängten Teppichen gebaut sind. Schlafen, Essen, Küche. Aber das ist gar nicht weit draußen in der Wüste und nicht so idyllisch, wie wir uns das vorgestellt haben. Insofern bereuen wir unsere Entscheidung, auf die Nacht verzichtet zu haben, keineswegs. Schließlich bietet uns Ali vor Rückkehr noch die von der Familie gefertigten Kunstwerke in Form von aus Fossilien ‚geschnitzten‘ Dromedaren an. Hmmm, also auch hier wieder ein Gschäftle machen. Das mögen wir nicht. Martin jedoch findet die kleinen Dromedare ganz hübsch, und so erstehen wir zwei nach doch längerem Handel. Wie sonst auch, wissen wir nicht, ob wir gut verhandelt haben. Aber sei dem, wie dem ist, die Tierchen sind hübsch und wir haben schon etwas mit ihnen vor….
Just am Tag unserer Abreise kommt noch Edith Kohlbach, die Autorin des meist genutzten Marokko-Reiseführers, zur Kurzinspektion vorbei. Sie erkennt unser Fahrzeug, das sie kurz nach Tanger überholt hat. Wir trinken gemeinsam Tee und unterhalten uns angenehm. Sie hat neben ihrem Reise- und Campingführer auch ein Kinderbuch herausgebracht, ‚Die wundersame Reise des Kamels Ali nach Marokko‘, das uns gut gefällt. Sehr witzig geschrieben. Ali ist ein aus Tunesien stammendes Kamel, das als Kind zur Enkelin nach Deutschland kam und nun mit Oma Edith einen Ausflug nach Marokko machen darf. Empfehlenswert, vor allem sicher für Marokko-Reisende.
Hassan ist traurig, dass wir gehen, wir auch ein wenig. Es war sehr schön und vor allem ruhig hier. Aber irgendwann geht’s halt wieder weiter. Außerdem haben wir bald schon wieder eine Verabredung…mehr dazu später. Auch nun sind wir sind schon wieder über den Bericht hinaus vorangekommen, sicher hört ihr bald wieder von uns. Wer immer noch unsere Bilder mag, hier.

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