Marokko in Farben

Wie Ihr bereits gesehen habt, war das Wetter in Chefchaouen zwischendurch recht mies. Es hat gegossen, die Bäche sind nur so über den Platz geströmt. Wir harren aus, weil wir nochmal in Ruhe in den Ort möchten. Oh, und das lohnt sich. Die aus der Ferne weiß am Hang liegende Stadt entpuppt sich im Innern als blaues Idyll, sie heißt auch die blaue Stadt. Sogar das Pflaster im Kern, in der Medina, ist teilweise blau und wird jedes Jahr neu eingefärbt. Dieses Blau findet sich im ganzen Ort an Fassaden, unglaublich schön. Ein bisschen touristisch ist es hier schon, das erkennt man auch an den vielen Tuch- und Lederläden, aber man wird größtenteils in Ruhe gelassen. So können wir ganz gemütlich durch die sich den Berg hinab windenden Gassen wandeln.

Wir dürfen jederzeit die Läden oder Werkstätten fotografieren. Die Eigentümer wollen meist nicht selbst auf dem Bild sein, freuen sich aber, dass ihr Laden ein Foto lohnt. Da wir zur Zeit kaum zu Mittag essen, findet unser Abendessen früher statt. In der Dämmerung sitzen wir vor einem Lokal auf dem Platz im Zentrum. Der Muezzin ruft, und wir können zuschauen, wie sich die Gläubigen zügigen, aber ruhigen Schrittes, in die nahe liegende Moschee begeben. Alles leert sich, kaum mehr ein Mensch auf der Straße, eine ganz friedliche Atmosphäre.

Nach gut 20 Minuten kommt, genauso ruhig, wieder langsam Bewegung auf den Platz, das Gebet ist beendet, der Rest des Tages wird in Angriff genommen. Und wir lehnen uns mit einem zufriedenen Seufzer ob dieser friedlichen und fast heimelichen Atmosphäre zurück. Auf dem Heimweg den Berg hinauf treffen wir wieder den Haschanbieter vom ersten Tag, der uns scheinbar nicht erkennt. Er fragt, wo wir wohnen und will ein Verkaufsgespräch beginnen. Unsere Antwort, dass er doch wisse, dass wir auf dem Camping wohnen, lässt ihn von dannen ziehen. 
Durch eine wieder wunderschöne und einsame Landschaft fahren wir zurück zur Küste. Braun- und Grüntöne reihen sich auf dieser kurvenreichen Fahrt bergauf und bergab aneinander. An der Küste gesellt sich dann wieder das schöne Türkisblau hinzu. Wir halten oft, um ein Bild zu schießen und genießen diese tolle Fahrt auf gut ausgebauter Straße.
Gegen drei Uhr nachmittags wird der Hunger dann doch groß. Im nächsten Ort können wir schlecht parken. Dann weiter mitten zwischen irgendwo und nirgendwo in freier Wildbahn ein Parkplatz mit Café, kleinem Laden und einem Pavillon, in dem gekocht wird. Nur Einheimische, sehr gut, da halten wir an. Wir fragen, was es denn zu essen gibt. Französisch spricht der Koch nur mäßig, er bietet uns brochettes grchalcharch oder irgendwie so an. Gut, das nehmen wir zweimal. Er fragt, wie viel Fleisch wir möchten, 500 g? Das kommt uns viel vor, aber wir stimmen zu. Also wird vom am Haken hängenden Fleisch ein Stück abgeschnitten, dieses wiederum in viele kleine Stücke. Die werden lecker gewürzt. Die Zwiebel schneidet der Chef de la cuisine in der Hand, alles gemischt, auf den Spieß und auf den Grill. Das Spülwasser für die Grillspieße ist mehr braun als klar, aber daneben steht noch saubereres Wasser zum Nachspülen, wird schon passen. Wir setzen uns an der Straße an ein Tischchen und warten auf die Spieße. Hmmmm, die sind richtig lecker, gut gewürzt, ähnlich dem bei uns als Tadjine Marrakesch bekannten Gewürz. Brot und Getränk dazu. Fertsch und satt. Spitze. Der Koch und die anderen Männer, die hier zugange sind, begeben sich zwischendurch zur Seite des Hauses, waschen sich an Armen, Füßen, Gesicht und Ohren und verrichten nacheinander auf einem kleinen Teppich ihr Nachmittagsgebet. Schon wieder lehnen wir uns zufrieden seufzend zurück.
Nun ist es nicht mehr weit nach Al Hoceima, wo wir am Strand einen Stellplatz ansteuern. Hui, da stehen bereits zwei WoMos und ein Geländefahrzeug. Wir werden freundlich von Norbert, Siggi, Herbert und Frau begrüßt. Ebenso wie vom Chef des dortigen Grenzstützpunktes (direkt vor der Küste liegt die spanische Insel Peñón de Alhocemas). Das ist einer der vielen Grenzposten, die hier entlang der Mittelmeerküste liegen, meist bestehend aus kleinem Haus oder Container samt marokkanischer Flagge. 
Wir geben unsere Pässe ab. An solchen Orten, wie auch im Hotel, werden die Pass-, Einreise- und Fahrzeugdaten notiert. Wir haben noch kein sog. fiche, also einen Zettel, auf dem diese Daten alle stehen oder zusammenkopiert sind. Das ist vor allem unterwegs praktisch, weil man auch an Ortseingängen kontrolliert wird (wir bisher nie) und dann am besten das fiche abgibt. Sonst muss man evtl. etwas länger warten, bis die gelegentlich schreibschwachen marokkanischen Bediensteten den ganzen Kram abgekritzelt haben.
Wir unterhalten uns gut mit unseren neuen Nachbarn, die erst am Vortag mit der Fähre angekommen sind. Siggi und Norbert waren schon oft in Marokko, meist sogar nur zur Durchreise nach Mauretanien und Mali. Aber das ist nun passé. Den Abend verbringen wir plaudernd und in Jacken gepackt am Strand. Die Pässe kommen nach zwei Stunden wieder. Wir unterhalten uns auch noch nett mit dem Offizier, auch über diese doch so komisch direkt am Strand liegende spanische Insel. Er findet es nicht toll, aber sagt, das Wichtigste sei, dass es keinen Ärger gibt. Sie wollen nur in Ruhe hier leben.
Am nächsten Morgen erwartet uns ein hübsches kleines Spektakel. Gerade als Norbert und Claudia am Strand darüber hirnen, wie die Spanier wohl von und zur Insel kommen, hören wir das Knattern der Rotoren. Ein Hubschrauber nähert sich, fliegt erst im Bogen an der Küste entlang und schwenkt dann zur Insel, so dass wir den Landeanflug zum Frühstück serviert bekommen.
Dann geht’s noch in den Ort, wie am Abend wieder durch die kleine Pfütze.Wir trinken mit Blick auf die Bucht einen Kaffee, kaufen ein und reisen dann weiter. Unser Weg führt uns an der Küste entlang bis kurz vor die algerische Grenze, nach Saidia. Neu-Saidia, wo wir auf dem Parkplatz des dortigen Einkaufcenters stehen können, ist merkwürdig. Hier ist komplett tote Hose. Viele, viele 2-3 stöckige Appartmenthäuser, die fast alle leerstehen. Der Osten soll entwickelt werden, auch und vor allem auf Wunsch des Königs. Aber wer hier mal alles einziehen soll, erschließt sich uns nicht. Vielleicht die marokkanische Oberschicht mit Kohle. Schön ist es hier, aber ganz weit draußen. Einen Flugplatz gibt es nicht, also weite Fahrt hier her. Hm, wir guhgeln irgendwann mal, vielleicht erfahren wir mehr. 
Unsere neuen Nachbarn kommen gegen später auch an, wir essen zusammen zu Abend. Der kalte Wind samt Nieselregen lässt keinen großen Verdauungsspaziergang zu. Siggi und Norbert inspizieren noch den Trolli und seine Ausrüstung, also das Zugfahrzeug. Allrad, Differential, Untersetzung usw., also all die Sachen, mit denen wir uns nicht gut auskennen 🙂
Bei der Weiterfahrt am nächsten Tag durch Saidia und dann Richtung Süden können wir auf die algerische Seite spucken. Nach dem nächsten Ort verläuft die Straße zwischen zwei kleinen Bergrücken, deren winzige Schlucht die Grenze darstellt. Rechts 5 marokkanische, links 5 algerische Flaggen gehisst. Rüber is‘ nich‘. Im nächsten großen Ort, in Oujda, machen wir am späten Vormittag Halt. Wir kommen kurz vor dem Ruf des Muezzin an, die Straßen sind brechend voll. Im Zentrum, wo Busbahnhof und Eingang zur Medina liegen, laufen alle kreuz und quer über die Straße. Ebenso drängeln Fahrzeuge und Fahrräder aus diversen Seitenstraßen. Wir kämpfen uns vorsichtig und, da inzwischen einigermaßen akklimatisiert, entspannt mit Trolli durch das Gewühl. Der in unserer offline-Karte eingezeichnete Parkplatz ist für uns nicht geeignet. Aber hier ist es nicht so stressig und eng wie in Europa. Wir fahren zwei Abbiegungen weiter und parken einfach vor einem Haus auf dem dortigen ‚Parkplatz‘ neben zwei PKW. Schon wieder nieselt es, trotzdem ist auf dem Markt viel los. Auch hier bekommt man alles, was man braucht. Stoffe, Erbsen, Linsen, Fleisch, Regenschirme, CDs, Kleingeräte, Mehl, Brot, Schuhe und und und. Zurück in den Straßen finden wir etwas abseits vom Gewusel ein landestypisches Café, hier sind sogar zwei Marokkanerinnen zugegen. Der Kaffee schmeckt gut und Claudi darf innen rauchen, sehr ungewohnt für Europäer. Auch das Stehklo hier ist vergleichsweise sauber und „seuchelt“ nicht. 
Gen Süden ist es nun nicht mehr so bergig wie am Vortag, wir haben das Rif ja bereits verlassen. Einige Kilometer vor unserem heutigen Ziel Tendrara sehen wir weiße Sachen wie Papier oder Styropor an den niedrigen Büschen. Dann wird es so viel, dass das nicht sein kann, bis wir verstehen: Das ist Schnee! Holla, dann wird’s wirklich frisch heute Nacht. Die Außentemperatur zeigt um die Dämmerung auch nur noch drei Grad. Heizung, Du darfst seit dem Frühjahr endlich wieder mal ran.
Am Ortseingang werden wir nun das erste Mal rausgewunken. Allerdings nicht zur Fahrzeugkontrolle, sondern um unsere Passdaten anzugeben. Nein, wir haben leider kein fiche. Müsst Ihr selbst abschreiben…. Das geht aber richtig zügig. Der Polizist fragt, wo wir übernachten. Wir nennen ihm den Parkplatz der Gendarmerie Royale. Er grinst, findet es aber offenbar gut und erklärt uns noch freundlich den Weg dorthin. Mit einem nochmaligem Willkommen in Marokko entlässt er uns. 
Der Ort ist,klein, der Parkplatz nicht schwer zu finden. Wir melden uns dort gegen später auch noch an, was aber zur Folge hat, dass der Gendarm darauf besteht, dass wir nicht außen an der Mauer übernachten, sondern Trolli auf den Hof fahren. Uns sei das egal…, nein, nein, drinnen ist sicherer, bitte reinfahren. Also gut, dann machen wir das natürlich. Wir sind uns sicher, dass wir auch außerhalb der Mauer sicher hätten stehen können. Aber die Polizisten bzw. die Gendarmerie hier im Land sind sehr bemüht um Sicherheit und geben schwer Acht auf ihre Touris. Vor allem hier nahe der algerischen Grenze. Sicher Anordnung des Königs. Gut auf Touris aufpassen und Finger weg. Und an dieser Stelle darf das nochmals gesagt werden. Wir fühlen uns bisher sauwohl, keine Angst, nix dergleichen.
Nachts um 11 haben wir noch 1 Grad. Am Morgen ist die große Lache auf dem Parkplatz gefroren. Es ist recht frisch, aber die Sonne scheint, ein neuer schöner Tag beginnt. Hier die letzten Fotos.
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