Alles hat ein Ende, auch Europa…

Nämlich unter anderem an der Südspitze Spaniens. Wir haben Ute und Peter verlassen und fahren Richtung Gastankstelle. Wir kommen trotz Adapter nicht zurecht und bitten den Tankwart, uns zu helfen. Das macht der auch. Trotzdem kommt kein Gas. Dann endlich nach mehrfachem Drücken strömt das Gas in die Flaschen, knapp 27 Liter, das passt. Wir haben mit zwei Flaschen eine Kapazität von 28 Litern. Erste Aufgabe des Tages erledigt. Weiter geht’s Richtung Tarifa an den Hafen. Leider können WoMos dort nirgends parken und wir suchen uns in der Nähe einen Halt. Sicherheitshalber – wir stehen schon weit raus aus der PKW-Parklücke – bleibt Martin bei Trolli. Claudi geht in den Hafen und kauft Tickets für die Überfahrt nach Marokko. 

Es ist 13:15 Uhr und auf der 16-Uhr-Fähre sind noch Plätze frei, spitze. Und wir können noch etwas schnabulieren. Das La Olla nahe der Fähre bietet frischen Fisch, die Wirtin lockt mit ihrer Zubereitung, die wirklich sehr gut ist. Wir unterhalten uns prima und genießen das Essen in der Sonne (seit vielen Tagen der erste Sonnentag hier unten im Süden). Beim Abschied fragt die Wirtin uns noch nach unserem Weg. Wir erzählen, dass wir nun nach Marokko gehen. Das Gespräch kommt auf Urlaub und die Dauer, so erfährt sie von Claudi’s „Auszeit“, die aber kein klassisches Sabbatical ist. Worauf sie Claudi anschaut und in dem Arm nimmt und meint, du bist pflichtbewusst und diszipliniert. Du hast deine Arbeit immer gut gemacht. Dich wollen sie wieder. Du machst die Dinge, wie wenn sie deine wären. Das sehe ich an deinen Augen. Hmmm, cool und ja auch ziemlich passend. Dann ein herzliches hasta luego, und wir versprechen, hier wieder zu essen, falls wir über Tarifa zurückkommen.
Die Auffahrt auf die Fähre geht zögerlich voran, ein überbeladener PKW (wie fast alle hier) kommt nicht hoch und kann auch nicht mehr anfahren. Nach längerem Hinundher und Zurückrollen packt er es dann doch noch. Wir sind dran, die Jungs signalisieren Claudi, dass sie kräftig Gas geben soll.

Kein Problem, der Trolli schafft das mit links und schwupp sind wir oben und im Bauch eingeparkt. Die Überfahrt ist sehr, sehr, sehr schaukelig. Die Getränkeflaschen und Dosen fliegen aus den nicht ganz verschlossenen Vitrinen, es scheppert schwer. Zumindest Claudi muss dauernd rausschauen und den Wellengang verfolgen, sonst findet sich der Magen aber auch gar nicht zurecht. Viele Männer reichen ihren Frauen Spucktüten, aber wir alle überstehen es dann doch noch gut.
Von der Fähre runter bietet sich gleich ein mit Ausweis bestückter Helfer für die Formalitäten an. Das muss nicht sein, aber es ist ein ordentliches Durcheinander mit Zoll, Einreise und Auto anmelden. Wir nehmen den Dienst in Anspruch und sind eine ganze Ecke schneller fertig. Das ist auch gut, es wird nämlich schon dunkel. Wir mussten ewig warten, bis wir von der Fähre konnten, weil die Schlauen diese Formalitäten zu Fuß erledigen und die im Schiffsbauch hinter deren Fahrzeugen Wartenden somit blockiert werden. Alles recht zäh und nervig. Deshalb fahren wir nicht weiter wie geplant, sondern gleich auf den Campingplatz in Tanger. Wir wollen erst mal ankommen. Die Auffahrt ist sehr steil und geht in Serpentinen zum Platz. Auch hier beweist Trolli seine Kraft und, so sagt Martin, Claudi ihre Fahrkünste. Ein mittelgroßer, in Terrassen angelegter Platz, ursprünglich sehr schön, aber inzwischen leider nur noch ungepflegt. Wir schauen am nächsten Tag noch nach Tanger rein. Wir können den Platz über den Hügel verlassen und gemütlich und behutsam in das neue Klima eintauchen. Weil Telefon und SMS mit dem deutschen Handy sakrisch teuer sind, erstehen wir zuerst eine marokkanische Telefonkarte, die auch ein bissel Internet ermöglicht. Die Aufdringlichkeit der ‚Helfer‘ beim Zoll ist vergessen. Als Erstes fällt uns die Freundlichkeit und Zurückhaltung der Marokkaner auf. Hier ein Gruß, dort ein freundliches Nicken. Dem Hinweis in einem Reiseführer, die Marokkaner seien eher zurückhaltende Autofahrer können wir sooo nicht ganz zustimmen. Aber es ist alles nicht gefährlich, nur der Zebrastreifen fordert ein klein bisschen Übung ab. Die Marokkanerinnen vor allem stehen dort ewig und trauen sich nicht oder akzeptieren die Vorfahrt der Autos. Wir natürlich nicht. Also verhelfen wir ihnen oft, schneller zu überqueren. Wir robben uns vorsichtig, aber frech, immer einige Schritte vor und schwupp – dann wird auch gleich angehalten. Geht doch. Auch hier oft ein freundliches Winken, auch von uns zum Dank. Man ist sich grundsätzlich sehr freundlich gestimmt. Die Cafés werden nur von Männern ‚bewohnt‘, wie üblich in islamischen Ländern. Weil wir aber auch gerne mal einen Espresso trinken wollen, setzen wir uns auch hin. Auch dies ist kein Affront. Wir werden freundlich gegrüßt von den benachbarten Gästen und mit Hand aufs Herz verabschiedet. Der mittägliche Hunger lockt uns in eine Passage, die in einer Terrasse mit Blick aufs Meer und das zum Greifen nahe Spanien endet. Auch dort ein überaus freundliches ‚Hallo‘ und Willkommen in Marokko, ohne aufdringlich zu sein. Claudi redet mit dem auf dem Schoß des neben uns sitzenden Frauchens eingewickelten Dackel deutsch, weil dieser so neugierig herschnüffelt, worauf die Dame lustigerweise meint, sie spreche kein Französisch, nur Spanisch. Ja, sagen wir, das ist uns recht. Wir sprechen eigentlich auch nur Spanisch (und Deutsch…).
Zum Espresso gibt es, ganz toll, immer ein Wasser. Wahrscheinlich für Touris in der 0,33 l frischen Flasche und nicht im Glas.
Am nächsten Tag brechen wir Richtung Martil auf. Zuerst passieren wir den neuen Hafen Tanger Med, der so groß gebaut wird, das er womöglich den alten Hafen in Tanger ersetzen soll. Ansonsten genießen wir den Anblick auf die schöne marokkanische Küste und das türkisblau/blaue Meer. Die Gischt an den Felsen wechselt sich ab mit sanft an Buchten rollenden Wellen.
In Fndiq machen wir Halt, schlendern durch den Ort, es ist Markt. Wir werden nicht mehr angesprochen als andere Marktbesucher. Einzig vor dem Café versuchen Jungs im Alter von ca. 8-10, uns Tempo Taschentücher packungsweise zu verkaufen. Wir lehnen ab. Die Buben geben nicht nach, versuchen es weiter und setzen sich dann einfach zu uns an den Tisch. Wir sind entspannt, bleiben beim Nein und warten. Dann wollen sie schnorren, Geld und Zigaretten. Bis schließlich der Ober kommt und die Lausebengel verjagt und sich bei uns entschuldigt. Net schlimm, alles in Ordnung.
Das letzte Wegstück kann fast mit der Côte d’Azur konkurrieren, gepflegte Strände, neue Gehwege, auf beiden Straßenseiten Radwege, alles sehr sauber. Aber hier kommt auch der König mit seinem Hofstaat im Sommer zu Besuch. Des muss scho so sei.

Unser Platz in Martil ist etwas gepflegter, netter Empfang und abends lecker Fisch im Campingrestaurant, den hätten wir anderswo kaum besser haben können. Schön eingedeckte Tische samt Stoffservietten. Einzig die fehlende Heizung lässt uns frösteln. Im Gegensatz zum Trolli können wir den großen Raum mit unserer Körperwärme nicht aufheizen.
Danach geht es nach Tetouan. Dort dürfen wir das letzte Stück zum anvisierten Parkplatz leider nicht fahren. Doof. So geraten wir zwangsläufig wieder in die Hände eines Helfers, der uns durch die engen Gassen zu einem Parkplatz lotst. Na gut, wir sind nun schon zu weit drin. Wir parken im Hof und haben dann aber alle Mühe der Welt, dem Kerl klarzumachen, dass wir keine Stadtführung von ihm wollen. Wir wollen das prinzipiell nicht. Wir wollen jetzt erst mal unsere Ruhe. Wir diskutieren hin und her wie die Teufel (auf Deutsch übrigens). Claudi sagt ihm mehrfach, dass das nichts mit ihm zu tun hat, sondern dass wir das immer so machen. Einfach immer. Der Kerl gibt nicht auf, läuft noch weiter mit uns. Wir sind nach wie vor freundlich zueinander und grinsen uns an. Claudi nimmt ihn in dem Arm und erklärt nochmals, dass es nichts mit seiner Person zu tun hat, sondern dass wir jetzt einfach in Ruhe da durch schlappen wollen. Weil er langsam einsieht, dass er also mit einer Führung kein Geld verdienen kann, will er außer der Parkplatzgebühr nun eine Entschädigung für seinen weiten Laufweg zum Parkplatz (der so weit nicht war…). Das geben wir ihm und betonen dann nochmals, dass wir jetzt  A L L E I N E  durch die Medina, die Altstadt, laufen. Er schiebt ab. Wir suchen uns ein Café. Weil wir natürlich nicht weit genug weg sind, taucht der Spitzbube nach unserer Kaffeebestellung gleich wieder auf. Aaaahhhh scheen, da trinken wir jetz eine Tee susammen un gehn dann tsu Medina. Hrglbrmpf. Er kümmert sich um Zucker und Milch im Kaffee und setzt sich zu uns. Wir werden weiter bequatscht, wie das halt so ist. Als es dann nach unserem Beruf, vielmehr Claudi’s, geht, wechseln wir wegen des ihm nicht geläufigen Wortes ‚Versicherung‘ ins Spanische. Sehr gut, das spricht er viel besser als deutsch. Einwandfrei, jetzt machen wir dem Kerl nochmals nachdrücklich klar, dass er noch hundertmal fragen kann. Es bleibt beim Nein, wir gehen alleine in die Medina. Auf spanisch versteht er auch besser, dass es nicht an ihm liegt. Er hatte vermutet, es könne etwas mit seinem Aussehen und dem Bart zu tun haben, der kein Bart, sondern das Ergebnis einer seit einer Woche fehlenden Rasur ist, mehr nicht. Quatsch, rede keinen Mist. Wir gehen doch nicht nach Marokko und können dann Männer mit Bart nicht leiden. Wir empfinden das jetzt als Stress, wenn wir nicht für uns sind. Ok! Er versteht uns, vor allem den Hinweis, er könne noch beliebig oft fragen, auch nach dem Kaffee keine Änderung, ist wohl angekommen. Er verabschiedet sich, wünscht uns nochmals ironisch lächelnd ein Hundertmalwillkommen und entschwindet. Uff, das war wirklich harte Arbeit. Daran müssen wir uns noch gewöhnen. Die Medina, Weltkulturerbe, besteht aus zig kleinen, engen Gassen mit vielen Angeboten von Kleidung, Schuhen und Schmuck über Fisch, Gemüse, Hasch und und und. Wir bleiben nicht lange. Und jetzt müssen wir mit Trolli erst mal wieder aus unserem Hof kommen und durch die engen Sträßchen aus dem Zentrum. Rückwärts aus dem Hof ist mit Rückfahrkamera und winkenden Helfern das kleinere Problem. Aber die Gassen, voll mit parkenden Autos und ständig über die Straße laufenden Menschen, ist anstrengend. An jeder Ecke lotst gleich ein netter Marokkaner und zeigt an, dass es um die Kurve reicht. An einer kleinen Kreuzung mit Obststand müssen wir den Verkäufer bitten, seinen Schirm einzuspannen oder seitlich wegzudrücken, sonst fahren wir den mit dem Alkoven um. Gesagt, getan, also zur Seite gedrückt, mit wenigen Zentimetern am Schirm rechts vorbei und noch weniger Zentimetern links an den Gemüsekisten vorbei manövrieren wir Trolli hinaus. Puh, auch das war wirklich harte Arbeit, aber wir haben es ganz gut im Griff und sind bald auf der Straße nach Chefchaouen, unserem heutigen Ziel. Das erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle, auch nur mit einem Haschischangebot vom Straßenrand. Ein hübscher Platz oberhalb des Ortes, hier verbringen wir wohl die Weihnachtstage.
Die letzten Fotos.
An dieser Stelle Euch allen herzliche Grüße und habt hoffentlich ein paar ruhige Tage über Weihnachten. Wir tauschen das dieses Jahr gegen den Ruf des Muezzin. Bis bald!