Entlang der alten Silberstraßenstädte nach Lissabon

Weil wir natürlich nicht genug vom Weltkulturerbe haben, machen wir auf der Weiterfahrt einen Abstecher nach Ávila, das zwischen Salamanca und Madrid liegt. Ávila’s Besonderheit ist seine noch vollständig erhaltene wunderschöne Stadtmauer. Außerdem ist es mit 1.131 m die höchst gelegene Provinzhauptstadt Spaniens. Nach dem nachmittäglichen Spaziergang durch die Stadt können wir uns spätabends doch noch entschließen, die eingeschlichene Trägheit zu überwinden und packen das Stativ ein, um nochmals zum Aussichtspunkt zu wandern und die nachts beleuchtete Stadtmauer abzulichten. Allerdings finden wir zuerst den Weg über die den Bach nicht. Wir hoffen, hinter dem Stellplatz am Kongresszentrum einen Übergang zu finden. Dem ist aber nicht so. Trotzdem lichten wir einen Teil der Mauer schon mal von hier aus ab. Dann gehen wir den Weg, den wir von der Herfahrt zum Stellplatz kennen entlang über die reguläre Brücke, die nebenan eine schöne, alte, aus Römerzeiten stammende Fußgängerbrücke beheimatet. Wir brauchen länger als geplant, laufen bergan zum Aussichtspunkt. Oh nein, eine Minute, bevor wir schließlich oben sind, drehen wir uns um und was ist das?

Alles im Dunkeln. Das darf doch nicht wahr sein. Uns ereilt das gleiche Schicksal wie in Reims, als wir auch mit Stativ bewaffnet nachts die Kathedrale fotografieren wollten und eine Minute zuvor die Beleuchtung ausging. Mist aber auch, es ist 23 Uhr, wir haben gar nicht daran gedacht, dass dieses wirklich schöne bauliche Denkmal nicht die ganze Nacht beleuchtet sein könnte. Total frustriert und traurig treten wir den Heimweg an. Da wir das Stativ nun schon dabei haben, machen wir auf dem dem Rückweg noch das eine und andere Bild, das aber den Blick auf die beleuchtete Stadtmauer keinesfalls ersetzen kann. Pech gehabt, aber so knapp…

Weiter geht’s nach Cáceres, wo wir uns beim ersten Spaziergang nicht zurecht finden. Wir haben keinen Stadtplan und fragen uns anfänglich, was hier jetzt so schön sein soll. Doch dann finden wir noch das alte Zentrum und die vielen steinernen und gut erhaltenen oder restaurierten Zeugen und Überbleibsel früherer Zeiten.
Auf dem Campingplatz bekommen wir keinen Empfang mit unserer Schüssel. Wir versuchen alles, prüfen die Anschlüsse usw., nichts zu machen. Wir interneten und wollen schon beim Hersteller anrufen. Weil in der Nähe und in Richtung Satellit zwei große Antennen stehen, die womöglich stören, entschließen wir uns aber, es im nächsten Ort erst mal erneut zu probieren. Das war auch gut so. Wir stellen später fest, dass nur die Quelle (HDMI) verstellt war, komisch zwar, da kommt man gar nicht ohne weiteres hin, aber wohl ein falscher Tastendruck und passiert war es. Also auch mal ein selbst verursachtes Problem 🙂
Das Wetter verschlechtert sich erheblich, nur im Süden Spaniens schaut es besser aus, aber da wollen und können wir nicht hin. Jetzt biegen wir erst mal nach Portugal ab. Unsere erste Station ist über einen kurzen Halt in Elva mit seinem tollen Viadukt

die Weltkulturerbestadt Évora, schon wieder Kulturerbe, jetzt wird’s langsam bissel viel 🙂
Unser Platz ist so lala, sehr dürftig. Sicher tut auch der ständige Regen den Rest dazu, dass es nicht prickelig ist. Wir schaffen es trotzdem, einen Teil der Stadt halbnass, halbtrocken zu besichtigen. Dabei finden wir die Post nicht. Es ist Samstag. Wir fragen die drei Rentner, die unter den Arkaden sitzen und warten, bis der Regen nachlässt. Hmmm, samstags um die Uhrzeit hat die Post geschlossen, aber wir könnten es schräg über den Platz beim Zeitschriftenhändler versuchen, der hat vielleicht auch Briefmarken. Gesagt, getan, und so ist es auch. Wir erhalten unsere Briefmarken ruckzuck und laufen zurück, auch um uns zu bedanken. Wir werden von den Dreien regelrecht erwartet. Alle heben allerdings den Daumen nach unten in der Meinung, wir seien nicht erfolgreich gewesen (wohl, weil es so schnell ging). Doch, doch, danke sehr, wir haben die Marken bekommen. Wie groß die Freude über den erfolgreichen Tipp bei den Einheimischen ist, beschert wiederum uns die reinste Freude. Das sind die schönen Begegnungen und Begebenheiten, die einen besonders an solche Orte zurückdenken lassen, oft mehr als dieses oder jenes bekannte Gebäude.

Weil wir verabredet sind, brechen wir nach drei Tagen auf. Weiter geht’s gen Westen, nach Lisboa, in die princesa do mar, wie es in einem Fado heißt. Die Anfahrt über die Brücke des 24. April könnte beeindruckend und sehenswert sein, ist es aber leider Dank des andauernden dichten Nieselregens gar nicht. Wir sehen kaum bis zum anderen Ufer. Auch an unserem ersten Tag in der Stadt begleitet uns dieser nicht enden wollende Niesel, bäh. Trotzdem erkunden wir einige Ecken, besorgen uns einen vernünftigen Stadtplan und den Linienplan, um zu sehen, wie wir in die Stadt kommen und welche Bahnen und Busse uns wohin führen können. Nach langem Studium desselben wissen wir, dass wir auf dem Weg in die Tram umsteigen oder über den nördlichen Vorstadtteil mit einmal Umsteigen auch Richtung Zentrum kommen. Endlich, nach drei Tagen, lässt sich die Sonne wieder blicken und Lissabon und den Vorort, den wir vom im Westen liegenden Campingplatz ansatzweise sehen, erstickt nicht im Nieselnebel.

Wir erkunden weitere Viertel, tun uns aber noch schwer mit dem Straßensystem Lissabon’s. Man muss sich erst einmal zurecht finden. Lissabon hat aus unserer Sicht kein geordnetes Straßensystem wie wir das z.B. von Havanna kennen. Da gibt es eine Reihe paralleler Straßen mit Nummern und quer dazu verlaufend mit Buchstaben. Alles pipi. In Lissabon gibt es fast nur die 7 Straßen, die vom Praça Comercial am Tejo zum Praça Figuera parallel zueinander verlaufen. Der Rest ist krumm, verlauft kreuz und quer. Wie aber auch anders, wo diese Stadt doch auf sieben Hügeln erbaut wurde und nur aus einem ständigen bergauf und bergab besteht. Dessen wenigstens kann man sich sicher sein, es geht immer rauf und runter. Dutzende kleinere und größere Hügel sind beim Erkunden zu erklimmen. Ständig eröffnen sich neue Blicke und Aussichten, die man nicht erwartete, und der Stuttgarter wird an die ihm vertrauten und lieb gewonnenen „Stäffele“ erinnert, Treppen, die die diversen Höhenlagen und Stadtteile miteinander verbinden. Daneben natürlich Straßenbahnen und elevadores oder ascensores, Aufzüge bzw. bahnähnliche Schrägaufzüge, die vor allem die besonders steilen Strecken überwinden. Und genau das macht den Reiz dieser Stadt aus. Zu Fuß und mit den Trams, die immer nur aus einem Wagen bestehen, durch die Stadt zu trödeln, neue Ecken zu entdecken, nun auf einmal von der anderen Seite auf diesen Aussichtsplatz zu kommen, hier wieder einen Treppenaufgang zu erspähen, dort sich wieder bergab treiben zu lassen.
Auch unsere Busfahrten in die Stadt sind immer abwechslungsreich. Mal erwischen wir einen Fahrer, der den armen Bus samt Passagieren so durch die Straßen jagt, dass alle hüpfen, die Stoßdämpfer scheinen schon längst ihre Arbeit aufgegeben zu haben. Ein ander Mal haut er die Bremse rein, weil er falsch gefahren ist und muss zurücksetzen, um dann richtig links abzubiegen. Auch beim Schrägaufzug fahren läuft nicht alles reibungslos. So muss der Fahrer am steilen Aufstieg anhalten, weil aus einem der Häuser ein Seil herunterbaumelt und in der Schiene liegt. Mit erheblichem Bruddeln bremst die Bahn, er steigt aus, nimmt das Seil zur Seite, schimpft noch mal in den oberen Stock des Hauses und fährt dann weiter.
Weil unser Wasseranschluss am Platz so spritzt, auch mit einem Hahnaufsatz, wollen wir uns einen Klickanschluss und ein kleines Stück Schlauch besorgen. Wir finden im Zentrum einen Laden, der diverses Zubehör feilbietet. Wir tragen verkünden unseren Wunsch und dringen dann in die Tiefen dieses herrlichen Geschäftes vor. Die Regale über und über mit Kartons bestückt, Glühbirnen, Haken, Türklopfer, Wasserhähne, und wirklich alles, was das Hand- und Heimwerkerherz höher schlagen lässt. Im ersten Stock geht es um’s Eck und dann weit, weit nach hinten, ein Raum weiter als der andere, und tatsächlich gibt es dann hier hinten oben auch noch Gartenzubehör, den gewünschten Anschluss und ein Stück Gartenschlauch. Weil das kurz ist, dürfen wir es nicht einmal bezahlen. Auf dem Rückweg bitten wir die Verkäuferin langsamer zu laufen, wir müssen uns die Schätze hier anschauen. Dieser Laden schlägt den in Cluny nochmals locker.
Auch unser bestelltes Sonnensegel ist inzwischen angekommen und sieht spitze aus. Es wurde sogar an einem Sonntag ausgeliefert und uns vom DHL-Vertragspartner bis direkt an unseren Platz gefahren, sehr cool. Alles dran wie bestellt, vier Ösen und vier Laschen und an einer Querseite die Kedderschiene. Benutzen werden wir es später, aber das scheint richtig gut zu sein, tolles Material.
Ja, und nun auch dazu, warum wir denn jetzt hier in Lissabon sind. Noch in der Bretagne erreichte uns ein Anruf von Jenny, die uns freudestrahlend verkündete, dass sie und Christoph heiraten werden. So eine schöne Überraschung. Inzwischen, Ende August, stand der Termin, nämlich der 11.10., fest, und da die beiden uns in ihrer Flitterwoche besuchen wollten, haben wir uns auf ein Ziel geeinigt, das hoffentlich auch noch genug warmes und ordentliches Wetter hergibt. Das war Lissabon, das wir alle vier noch nicht kennen. Deshalb haben wir uns bis Anfang Oktober Richtung Lissabon orientiert. Und natürlich sind wir dabei und fliegen am 8.10. „gschwind“ gen Stuttgart, brrrr, in die dort genau in dieser Woche herrschende Kälte. Das war ein kleiner Schock von abends um 22 Uhr noch um die 20 Grad in die deutsche 7 Grad-Abendkälte. Claudi hat sich gleich am ersten Tag beim Besuch bei Schwiegermuttern vom Dachboden eine der dort eingelagerten Jacken geholt, um nicht zum erfrieren. Unabhängig vom Wetter verbringen wir schöne Tage in Stuttgart und feiern eine gemütliche und stressfreie Hochzeit in Kusterdingen und Stuttgart. Und haben Glück, dass an diesem Freitag, der nur nass und kalt sein sollte, sich die Sonne dann doch noch feste durchdrückt und wunderschön scheint, als wir das Kusterdinger Standesamt verlassen. Mit Leiterwagen und von jedem Gast gebastelten und individuell gestalteten und zusammengebundenen Konservendosen scheppern wir zurück, um dann in Stuttgart im Cassiopeia im kleinen Kreis zu feiern und es wird natürlich spät in dieser Nacht… 🙂

Wir freuen uns auch wieder auf das wärmere Lissabon. Allerdings werden die Wetteraussichten nach unserer Rückkehr immer schlechter. Und Martin hat sich in Deutschland erkältet und liegt erst mal zwei Tage richtig flach, einen wüsten Husten hat er sich eingefangen. Dann ist es endlich so weit. Jenny und Christoph kommen. Wir holen die beiden am Flughafen ab. Weil es leider leider so sehr nach Regen in dieser Woche ausschaut, haben wir lieber noch einen Bungalow reserviert.

Wir beginnen unsere gemeinsamen Tage gemütlich. Frühstück gibt’s immer im Trolli, draußen ist es zu kühl oder zu nass. Und nun machen wir gemeinsam unsere Ausflüge, auch die, die wir uns in unserer ersten Woche teilweise aufgespart haben. Unter anderem auf das Kastell und dort hinein. Die Aussicht ist nochmal toller als von anderen Aussichtspunkten, weil man fast rundherum Ausschau halten kann. Außerdem besuchen wir nun die berühmte fabrica de pasteis in Belém, die in jedem Reiseführer erwähnt wird. Was heißt erwähnt, man wird geradezu hingezwungen. Die Schlangen waren uns bisher ohnehin immer viel zu lang, die Menschen, also die Touris in diesem Fall, stehen meterlang bis auf die Straße aus dem Café. Wir könnten inzwischen aber den Montag als ruhigsten Tag ausmachen, so auch diesen gemeinsamen Montag. Naja, solche Dinge sind ja immer so eines Sache. Die Erwartungen sind nach den endlosen Empfehlungen hoch. Das Blätterteigtörtchen mit Vanillecrème nach einem Geheimrezept aus der früheren Klosterbäckerei des nebenan befindlichen Jeronimus-Klosters schmeckt in der Tat nicht schlecht, aber das Theater, das man darum macht, verstehen wir alle vier nicht. Der Inhaber ist ein gemachter Mann. Werbung muss er selbst nicht mehr machen, trotzdem ist die Bude immer voll, und man wird nur noch abgefertigt. Nun wissen wir das auch.

Unseren Spaziergang zum Aussichtspark Pedro de Alcantara westlich oberhalb des Zentrums machen wir noch bei gutem Wetter. Am Platz angelangt genießen wir die Aussicht und den Fado-Sänger, der passend zur gemütlichen Stimmung seine Lieder singt, die uns richtig gut gefallen. Wir sitzen auf der Bank und geben uns dem Gesang hin. Manuel, so heißt der ca. sechzigjährige Sänger, dessen Stimme allerdings jünger klingt, verkauft auch seine CDs. Wir erstehen eine, auf der auch die eben gehörten melancholischen Fados drauf sind. Er erzählt Claudi beim Kauf, dass das Lied, das er jetzt singt, von einem Mann handelt, der sein Heimatdorf aufsucht und sein Elternhaus wieder sehen möchte. Er klopft an den Türen, aber niemand öffnet ihm. Schließlich sieht er eine Nachbarin, aber auch die kann ihm nur sagen, dass hier sonst niemand mehr wohnt. Er findet die Spuren der Kindheit nicht mehr. Eine Freundin von Manuel weint immer, wenn er dieses Lied singt. Wir reißen uns zusammen und weinen nicht, sicher aber auch, weil wir fast nichts verstehen…
Leider hat sich der gemietete Bungalow als gut erwiesen. Ausgerechnet in dieser Woche herrscht in der Gegend und insgesamt weit auf der iberischen Halbinsel ein Tief, dass ich regelmäßig ausregnet. Die Regenjacke wird uns ständiger Begleiter und gut genutzt. Trotzdem schauen wir viel an und machen unsere Spaziergänge durch die Stadt. Die Busfahrer sind nach wie vor in Form und Jenny bemerkt schlicht, dass man die bei uns bei diesem Fahrstil am nächsten Tag rausschmeißen würde, weil sich die Leute beschwerten. Das trifft’s ganz gut, wobei man sich ja auch manchmal gerade in Deutschland über jeden Kram beschwert.
So verfliegen die Tage, und der Rückflug von Jenny und Christoph naht bereits. Schade, dass uns das Wetter doch etwas im Stich gelassen hat. Entmutigen lassen haben wir uns dadurch nicht und die Woche stressfrei genossen. Und wie’s der Teufel will und Christoph angekündigt hat: mit dem Abflug der beiden kommt die Sonne raus, blauer Himmel und fast kein Wölkchen, frech. Auch der Sonntag empfängt uns nach vielen Tagen mit Wolken und Regen und wenig Sonne himmelblau. Unsere Zeit in Lissabon ist vorbei. Durch satte grüne Wälder mit Kiefern, Eukalyptus und Korkeichen fahren wir knapp 200 km nach Süden während aus dem iPod-Radio unsere Manuel-CD Fados trällert.

Hier nun die Bilder der vergangenen Wochen, dieses Mal in zwei Teilen, nämlich bis Lissabon und Lissabon hier separat.